CAREInterview: Gleiche Rechte, gleiche Chancen

30-03-2022

von CARE/Aktion Deutschland Hilft

Imogen Davies ist Gender Referentin bei unserer Bündnisorganisation CARE Deutschland. Sie setzt sich dafür ein, dass Mädchen und Frauen weltweite mehr Rechte und Chancen bekommen und in Krisensituationen nicht benachteiligt werden.

Im Interview spricht Imogen Davies über Geschlechtergerechtigkeit, welche Folgen ihr Fehlen für Mädchen und Frauen in Krisenkontexten hat und wie CARE daran etwas ändert will.

Frau Davies, was bedeutet Geschlechtergerechtigkeit?

Dass alle Menschen die gleichen Rechte und Chancen haben und an den Entscheidungen, die sie betreffen, teilhaben können.

Dann spielt das Geschlecht dabei keine Rolle?

Doch, aber bei Geschlechtergerechtigkeit geht es um mehr als die Stärkung von Mädchen und Frauen. Es geht darum, das ganze gesellschaftliche System so umzugestalten, dass niemand in der Gesellschaft von vornherein benachteiligt wird. 

Wie lässt sich das erreichen?

Indem man Mehrfachdiskriminierung in der Gesellschaft bekämpft. Geschlechterungerechtigkeit überschneidet sich und steht oft in Wechselwirkung mit weiteren Diskriminierungsformen wie Behindertenfeindlichkeit, Rassismus, Altersdiskriminierung und Diskriminierung aufgrund von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit. Diese Mehrfachdiskriminierungen müssen mitgedacht und ebenfalls bekämpft werden. Das ganze Bild ist entscheidend. Eine geschlechtergerechte Welt kann nur entstehen, wenn wir allen benachteiligten Gruppen in der Gesellschaft die gleichen Rechte und Zugänge zu Chancen und Ressourcen gewähren. Das schließt Mädchen und Frauen selbstverständlich mit ein.

Wie hängen Geschlechtergerechtigkeit und Katastrophensituationen zusammen?

Krisen und Notsituationen legen bestehende Ungleichheiten in betroffenen Gesellschaften offen und verschärfen diese noch. Es wird dann besonders sichtbar, wie schlecht es um die Rechte und Chancen insbesondere von Mädchen und Frauen bestellt ist.

Woran sieht man das konkret?

Zum Beispiel daran, dass Frauen und Mädchen in humanitären Katastrophen statistisch jünger sterben als Männer und Jungen. In Krisenzeiten verlieren Frauen in der Regel als Erste ihre Arbeit und Mädchen müssen häufiger die Schule abbrechen, um zum Lebensunterhalt beizutragen. In Krisenzeiten steigt auch das Risiko sexualisierter Gewalt signifikant an. Unterstützungsstrukturen werden geschwächt oder brechen zusammen. Gleichzeitig werden medizinische und psychosoziale Leistungen für Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt häufig vernachlässigt.

Wirkt sich fehlende Geschlechtergerechtigkeit auch auf Nothilfemaßnahmen aus? 

Wenn die Stimme von Frauen nicht gehört wird, sind humanitäre Maßnahmen weniger wirksam und können die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern sogar noch verstärken. Frauen haben das Recht auf Mitsprache bei der Ermittlung ihrer Bedürfnisse und bei der Entscheidung darüber, wie diese am besten erfüllt werden können. Dennoch werden sie und lokale Frauenorganisationen bei der Entscheidungsfindung nach einer Katastrophe häufig nicht beteiligt. Bei den weltweiten COVID-19-Maßnahmen beispielsweise stellen Frauen 70 Prozent des Gesundheitspersonals, haben aber nur 5 Prozent der Führungspositionen inne.

Warum ist die Beteiligung wichtig?

Wer Frauen nicht gleich zu Beginn einer Krise einbezieht, der tut es meist auch später nicht mehr. Die Folgen sind gravierend: geschlechtsspezifische Ungleichheiten verschärfen sich, Diskriminierung nimmt zu und Frauen werden in ihren Streben nach gleichen Rechten zurückgeworfen.

Was tut CARE, um Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen?  

Die Gleichstellung der Geschlechter ist ein zentraler Bestandteil des Ansatzes von CARE in Notsituationen. Bei unserer weltweiten Programmarbeit konzentrieren wir uns dabei auf vier Schlüsselbereiche: Wir führen Datenerhebung zur Situation von Frauen und Mädchen durch, um die unterschiedlichen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Bewältigungsstrategien von Frauen und Mädchen zu verstehen. Ausgehend hiervon stellen wir sicher, dass geschlechtsspezifische Bedürfnisse in unseren Hilfsmaßnahmen berücksichtigt werden zum Beispiel bei der Versorgung mit Wasser und frauengerechten sanitären Einrichtungen.

In Notsituationen reagieren wir außerdem auf die erhöhten Risiken geschlechtsspezifischer Gewalt, indem wir mit lokalen Gemeinschaften zusammenarbeiten, um die Ursachen von Gewalt zu ermitteln und zu beseitigen, und indem wir die Überlebenden von geschlechtsspezifischer Gewalt unterstützen. Schließlich fördern wir die gleichberechtigte Mitsprache, Führung und Teilhabe von Frauen. Hier arbeiten wir eng mit marginalisierten Frauen und von Frauen geführten Organisationen zusammen, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen und ihnen Teilhabe zu ermöglichen.