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AktionenGewinner Geschichtenwettbewerb: Geschichte "Der Tag, an dem Fridolin verschwand"

30-07-2014

Der Tag, an dem Fridolin verschwand

„Schwachkopf! Wo bist du? Lass dich blicken! Ich muss dir was erzählen!“ Hektor krächzte so laut es sein 52-jähriger Papageienschnabel zuließ als er seine morgendliche Runde flog. „Hey du alter Sack, ich rede mit dir! Verdammt, wo bist du?“ Er rief und schrie und spuckte und fluchte, aber Fridolins Abwesenheit war so offensichtlich wie Hektors ruppiger Umgangston. Viele Verstecke gab es hier nicht – schon gar nicht für einen Elefanten vom Kaliber Fridolins: massig, träge, passiv aus Leidenschaft. Man konnte sich vorstellen, dass eine graue faltige Gestalt wie der alte Elefant keinen besonderen Wert auf das Versteckspiel oder ähnlich geartete Zerstreuungen legte.

Aber einfach so nicht da sein, ohne Piep und Abmeldung? Was war nur geschehen? Fridolin rümpfte den verkrusteten Papageienschnabel. Wenn man ihn nicht kannte, könnte man glauben, er leide am Tourette-Syndrom, so wie er von den Dächern fluchte und pöbelte und meckerte. In Wahrheit war er einfach von vulgärer Natur, gezeichnet von den Pirouetten des Lebens. „Was brauche ich schon Freunde? Allein bin ich in bester Gesellschaft. Alle anderen können mir gestohlen bleiben! Auch du, Schwachkopf, du Hornochse!“

Leider macht alles Fluchen der Welt nur wenig Spaß ohne Publikum, das musste Hektor nach nicht allzu langer Zeit verdrossen einsehen. Das allein erzürnte den eigensinnigen Graupapagei so sehr, dass er eine weitere Tirade von seinem Ast brüllte, um die Trauer und Furcht in die Flucht zu schlagen, die sich langsam in sein Gefieder nisteten.

Es war nämlich so:
In den letzten 28 (!) Jahren hatte es exakt drei Tage gegeben, an denen Fridolin ohne Erklärung nicht auf seinem Platz vorzufinden war. Das erste Mal hatte sich um drei Uhr morgens eine verwirrte Schlange in seinem Rüssel verirrt weshalb er abrupt mit Sirenen und Blaulichtern in die Notaufnahme gedüst wurde. Jahre später, man glaubt es kaum, erwachte er mitten im Wald, umgeben von überraschten Eulen-, Hasen- und Fuchsaugen, die ihm erzählten, er habe sich wie ein Berserker durch das Dickicht seinen Weg gebannt um exakt an diesem Ort zu stoppen und... aufzuwachen. Ein klarer Fall von altersbedingtem Noktambulismus, sollte Hektor später belustigt feststellen. Der Grund für das dritte und letzte Mal, da Fridolin nicht aufzufinden war, hieß Miranda, war Elefantin indischer Herkunft auf Auslandssemester und auf der Suche nach einem Abenteuer in der letzten Nacht vor der Rückkehr nach Mumbai.

Es war also nicht das erste Mal, das sowas passierte.

Aber es war das erste Mal, dass der Abend sich ohne Fridolin im Schlepptau leise anpirschte. Dass die Sonne unterging, ohne dass Hektor Fridolin dabei beobachten konnte, wie er ihr entspannt beim Verschwinden zusah. Dass das Dunkel der Nacht den Himmel bedeckte ohne vom gründlichem Abendbrot-Geschmatze Fridolins begleitet zu werden.

Und es war auch das erste Mal, dass Hektor Fridolin – er konnte es selbst kaum glauben – vermisste. Er fühlte sich elend, er langweilte sich und wenn seine Augen mit Tränendrüsen gesegnet wären, würde nun wohl der eine oder andere Tropfen herausquillen und das kleine Gesicht runterrutschen.

Fridolin war immer da gewesen. Er hatte immer zugehört, wenn Hektor sich ausließ – ob es nun das Wetter, der Zustand seiner Krallen oder die Weltwirtschaftskrise war. Bilder der Erinnerung strömten auf den grauen Vogel ein: der Silvesterabend zur Jahrtausendwende, an dem sie beide befürchteten, die Welt ginge unter und sich mit Rum volllaufen ließen. Die unzähligen Male, da Hektor dem schlafenden Fridolin im Flug auf den Kopf gekackt hatte – was für ein herrliches Vergnügen! Dieser Sommerabend im Jahr 2004, als Hanni, die Schäferhündin und treue Begleiterin des Papageis nicht mehr aufwachte. Die Nacht, in der das Aquarium gestohlen wurde und Anna, die rote Brasse und große Liebe des Vogels, für immer aus Hektors Universum verschwand. Als Hektors bester Kumpel Flinki, die weiße Ratte, die aus dem Versuchslabor ausgebüchst war, aufhörte zu atmen und Hektor zuerst verblüfft und dann unendlich traurig zurückließ. Am Tag nach Kanarienvogel Wilmas Beerdigung, an dem Hektor so niedergeschlagen war, dass er einen Beschluss traf: ab sofort würde er nicht mehr leiden. Alle Freunde verließen ihn. Er hatte den Schnabel voll, alle zu überleben. Ab sofort würde er zurückgezogen leben und es sich zur Lebensaufgabe machen, dem bulligen Elefanten, neben dem er hauste, das Leben zu erschweren. Der wurde zwar vielleicht nicht 100 Jahre alt, aber beinahe.

Aber nun musste er unter großem Leid und Ärger feststellen, dass er mit seinem ständigen Gezeter, Gemecker und Terror seinen wohl einzigen Freund vergrault hatte.
Ja, Fridolin war ein Freund. Das fiel ihm nun wie Schuppen von den kleinen Augen. Und er hatte es vermasselt. Gründlich. „Bitte lieber Fridolin, komm zurück, ich brauche dich! Du bist der beste Freund, den ich jemals hatte! Bitte, ich flehe dich an!“, schrie er in den Himmel. Er bettelte und winselte und scharrte mit seinen alten Krallen seinen Lieblingsast ab – ein herzzerreißendes Spektakel. Fix und fertig war er, und er schrie so lange bis ihm der Schnabel versagte. Dann wurde es still. Ganz still.

„Hey, grauer Vogel, Lust mir auf den Kopf zu kacken?“ Wie aus dem Nichts kommend stand nun plötzlich Fridolin direkt vor Hektors Baum, sein rechtes Auge so groß wie der ganze Kopf des verwirrten Vogels, auf dem Kopf ein glattes, himmelblaues Tuch. „Zwei Tage und Nächte war ich unterwegs – aber nun bin ich geschützt vor deinen Attacken, alter Freund. Mein Schutztuch nimmt mir keiner mehr weg!“ Warum Hektor nach ein paar Sekunden Schockstarre in hysterisches Gelächter ausbrach, verstand Fridolin ganz und gar nicht. Aber das war auch egal. Alles war egal. Fridolin war wieder da, und diese Tatsache allein machte Hektor zum glücklichsten Graupapagei in ganz Nordrhein-Westfalen.

Martha Miklin

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