Journalistenwettbewerb Humanitäre HilfeOstafrika zwischen den Extremen - Eine Reportage von Jannis Carmesin

02-02-2016
Jannis Carmesin

Name: Jannis Carmesin

Alter: 24

Wohnt in: Köln

Journalistische Stationen: u.a. WDR 5, Deutsche Welle, Funkhaus Europa, 1LIVE, dpa Mexiko-Stadt, taz

Reiseland: Kenia und Somaliland

Begleitet von: arche noVa und World Vision

Zeitraum: 03.01. - 15.01.2016

Wettbewerbsbeitrag: Für die einen bedeutet das globale Wetterphänomen El Niño extreme Dürre, für andere wochenlangen starken Regen. In seinem Wettbewerbsbeitrag zeichnet Jannis Carmesin diesen Kontrast anhand von Projekten in Kenia und Somaliland nach und zeigt, wie die Menschen dort lernen mit den Wetterextremen zu leben. Im Beitrag erzählt Carmesin zunächst die Geschichte somalischer Viehnomaden, die aufgrund der Dürre ihr traditionelles Leben aufgeben und sich in Dörfern und Städten ein neues Leben aufbauen. Im zweiten Teil schwenkt der Blick zu in einen in diesem Jahr durch El Niño regenreichen Teil Kenias. Hier beschreibt der Kölner Nachwuchsjournalist, wie Farmer das wertvolle Wasser mit jahrhundertealten Methoden sammeln, um gegen künftige Dürren gewappnet zu sein.  Für seine Erzählungen bedient sich der 24-Jährige neben verschiedenen Texten auch einer Reihe von Bildern. Videos, in denen als Seitenstränge konkrete Projekte und die beteiligten Personen vorgestellt werden, ergänzen diese.

Klicken Sie hier, um sich die Reportage von Jannis Carmesin anzuschauen!


Zwischen den Extremen - Ostafrika in Zeiten von El Niño

von Jannis Carmesin

Das östliche Afrika erlebt in diesen Monaten eine Zeit der klimatischen Extreme: Während das Klimaphänomen El Niño in manchen Regionen so viel Regen bringt wie seit 20 Jahren nicht, raffen andernorts Dürren die letzten Ziegen und Kamele der Viehzüchter dahin. Eine anhaltende Dürre in Teilen von Somaliland zwingt Tausende Viehnomaden dazu, das traditionelle Leben aufzugeben und sich in den Dörfern und Städten niederzulassen. Diese ächzen unter der Last der Neuankömmlinge – und versuchen, ihnen gemeinsam mit internationalen Organisationen alternative Lebensmodelle anzubieten.

Bis 2050, berichtete UN-Generalsekretär Ban Ki-moon 2009 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York, werde es weltweit mehrere Millionen Klimaflüchtlinge geben. Wahre Völkerwanderungen, verursacht von den globalen klimatischen Veränderungen. Saada Hashi hat sich schon auf den Weg gemacht. Gut 10.600 Kilometer entfernt von New York sitzt sie, umgeben von ihren Kindern, im Januar 2016 auf einem bierkastengroßen Felsbrocken vor ihrem Haus, das eigentlich nur ein großes Zelt in schneeweißem Sand ist. Ein paar schiefe Äste, bedeckt mit Lumpen und Grasmatten.

Saada Hashi, 47 Jahre alt, eine tiefe Falte zwischen den Augen, lebt erst seit ein paar Wochen mit ihrer Familie hier in Lughaya. Ein Städtchen an der Küste Somalilands, dessen 2500 Haushalte sich so weit in der toten Wüstenlandschaft verteilen, dass Lughaya eher wirkt wie eine lose Ansammlung ärmlicher Siedlungen. Seitdem Saada Hashi denken kann, war sie mit ihrer Familie auf Wanderschaft. Gemeinsam mit ihrem Mann und den fünf Kindern zog sie als Viehnomadin Jahr für Jahr Hunderte Kilometer durch die Ceelahelay-Region, etwa einen Tagesmarsch entfernt von Lughaya, immer dorthin, wo es noch grünte. Schließlich musste das Vieh zu fressen bekommen, das in Somaliland kein reines Besitztum, sondern unerlässlich ist, um ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu sein.

Die Trockenheit treibt die Viehnomaden in die Dörfer und Städte

100 Ziegen und 20 Kamele hatte die Familie. Das bedeutete keinen großen Reichtum, war aber genug für ein solides Leben in einer der kleinsten Volkswirtschaften der Welt. „Es ging uns gut“, erzählt sie. „Wir hatten immer frische Milch, Fleisch aus der eigenen Schlachtung und ein bisschen Geld, wenn wir etwas davon auf dem Markt losgeworden sind.“ Doch dann blieb der Regen immer häufiger aus – drei Jahre lang habe es praktisch nicht geregnet, erzählen die Menschen hier in Lughaya.

Irgendwann hatten die Ziegen die letzten Grashalme aus dem Boden und die letzten Blätter von den Akazien-Bäumen gezupft. Saada Hashis Vieh begann zu sterben, ein Tier nach dem anderen, bis nur noch die zehn Ziegen übrig waren, die sie heute ihre letzten Besitztümer nennt. Mit knapper Not zog die Familie nach Lughaya und ließ sich im Schutz der Siedlung nieder, um Unterstützung zu finden. Entscheidend gebessert hat sich ihr Leben hier bislang nicht. „Es fehlt an allem“, erzählt Hashi. „In den vergangenen Wochen hatten wir meistens nur trockenen Reis, manchmal auch überhaupt nichts zu essen.“

Viele leben am Existenzminimum

Somaliland, die seit 1991 unabhängige, aber international nach wie vor nicht anerkannte somalische Teilrepublik, verändert sich in diesen Jahren tiefgreifend. Zwar ist die Region verglichen mit dem Rest von Somalia friedlich, doch die extremen klimatischen Bedingungen wirbeln ähnlich wie im Nachbarland Äthiopien die alten Verhältnisse durcheinander. Mindestens 80.000 IDPs, „Internally Displaced Persons“, wie die Binnenvertriebenen im sperrigen NGO-Sprech genannt werden, zählte das Genfer Internal Displacement Monitoring Center (IDMC) hier im vergangenen Jahr.

Die meisten sind Viehzüchter wie Saada Hashi und ihre Familie, die die traditionelle nomadische Lebensweise aufgegeben haben und vor der Dürre in die Städte und Dörfer flüchten. Diese treiben wie letzte Rettungsinseln in der toten Wüste, weil internationale Hilfsorganisationen hier zumindest einfache Lebensmittel verteilen und Krankenstationen betreiben, während draußen in der Einöde Ziegenkadaver am Straßenrand verwesen. Die Gemeinden, in denen ohnehin schon viele Menschen am Existenzminimum leben, treibt die Entwicklung ans Limit.

Fortbildungen und Start-Up-Förderung statt „restocking“

Angesichts dieser Entwicklung wächst die Abhängigkeit Somalilands von internationalen Organisationen. Sie halten nicht nur die Grundversorgung an Nahrungsmitteln und das komplette Gesundheitssystem am Laufen, sondern unterstü zen gezielt auch Klimaflüchtlinge, indem sie deren dezimierte Viehbestäde mit gesunden Tieren aufstocken. Für die Betroffenen sind diese sogenannten „restocking“-Programme genau wie die Notversorgung durch das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen überlebensnotwendig. Nachhaltig sind sie angesichts der Prognosen, die immer länger werdende Dürreperioden voraussagen, aber nicht. Schließlich weiß keiner, wie lange das neue Vieh bei anhaltender klimatischer Entwicklung überleben wird.

Die Strategie der kommunalen Politik und internationalen NGOs hat sich deshalb zunehmend verändert: Viehzüchter sollen dazu gebracht werden, alternative Lebensmodelle zu erwägen. Gut zwei Autostunden entfernt im Landesinneren liegt an einer Sandpiste, die in Somaliland schon fast als Highway durchgeht, das Dörfchen Garbodadar, 1450 Haushalte, gut 60 Prozent davon zugezogene IDPs. Ein paar Hundert Meter hinter der Ortschaft durchzieht im Schatten einer Gebirgskette ein Zaun die karge Landschaft. Das 500 Quadratmeter große eingezäunte Gelände ist ein Versuch, gegen die Entwaldung der Gegend vorzugehen, in der nur ein paar hartnäckige Akazien-Bäume und massenweise Prosopis juliflora (ein enorm dürreresistenter, aber für das Ökosystem nutzloser Strauch) überlebt haben. So soll – gefördert vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) – ein Lebensraum entstehen, in dem Landwirtschaft und Viehzucht möglich werden.

FMNR soll die Landschaft wiederbeleben

Das Areal ist ein „Farmer Managed Natural Regeneration Project“, wie es auf einem Schild kurz vor dem braunen Maschendrahtzaun geschrieben steht. Farmer Managed Natural Regeneration, kurz FMNR, wurde in den 80er-Jahren vom australischen Agrarwissenschaftler Tony Rinaudo entwickelt und soll die Landschaft rund um Garbodadar wiederbeleben. Rinaudo sagt, man habe mit der Methode schon einige Millionen Hektar Fläche in verschiedenen afrikanischen Ländern begrünt, in Niger gar die Hälfte des kompletten Ackerlandes.

Die Kernpunkte von FMNR: Vieh ist im Areal komplett verboten, weil die Tiere bei der Nahrungssuche aufkeimende Triebe von Bäumen und Sträuchern aus dem Boden reißen würden. Die Dorfbewohner dürfen bei der Suche nach Feuerholz nur noch abgefallene Äste sammeln und die kleinen Triebe am unteren Ende des Stammes abschneiden. So sollen die stärksten Triebe der Pflanzen geschützt und das Baumwachstum gefördert werden. Verstöße werden von einem Rat, in dem jedes der umliegenden Dörfer einen Vertreter stellt, mit Geldstrafen geahndet. Das Ziel: die Regeneration des Ökosystems und ein kühleres, feuchteres Mikroklima.

"Man sieht bereits die Veränderung"

Dorfbewohnerin Amina Dahir Alamagan, Mitte Fünfzig, in buntes Tuch gehüllt, sagt, das Projekt laufe ziemlich gut. Sie kniet ein Stück hinter dem Grenzzaun auf dem sandigen Boden und sammelt Feuerholz für den Abend. „Man kann schon eine Veränderung sehen“, sagt sie. „Es ist grüner geworden, da sind mehr Bäume, weil wir die vorhandenen schützen und gleichzeitig vor unseren Häusern neue gepflanzt haben.“ Dann nimmt sie die trockenen Äste unter den Arm und stapft zurück in Richtung Dorf, um vor ihrer Hütte das Abendessen zu kochen.

Während sie das Holz in ein kleines Stövchen legt und es dann anzündet, erzählt sie ihre Geschichte im Schnelldurchlauf: 150 Ziegen, 80 Kamele, die Dürre von 2011, die Flucht nach Garbodadar. Seitdem lebt sie hier als Binnenflüchtling mit ihrem Ehemann, ein paar Ziegen und den sieben Kindern. „Es geht uns hier ganz gut“, sagt sie. In ihr altes Nomadenleben zurückzukehren, ist für sie keine Option. Die Familie Alamagan wird bleiben.