Journalistenwettbewerb Humanitäre HilfeNepal: Leben nach dem Erdbeben - Eine Reportage von Rahel Klein

02-02-2016
Rahel Klein

Name: Rahel Klein

Alter: 25

Wohnt in: Bonn

Journalistische Stationen: WirtschaftsWoche Online, WDR Bonn, DPA

Reiseland: Nepal

Begleitet von: Handicap International, ASB, SODI

Zeitraum: 27.10. – 10.11.2015

Wettbewerbsbeitrag: Wie geht es den Menschen nach dem gewaltigen Erdbeben in Nepal 2015 und wie gehen sie mit der Katastrophe um? Diese Frage beantwortet Rahel Klein in Form einer interaktiven, digitalen Slideshow. Auf ihrer Website bewegt sich der Besucher mit Hilfe der Pfeiltasten von einem Slide zum nächsten und stößt dabei auf zahlreiche Texte, Sounddateien, Bilder und Videos. Immer wieder begegnen einem dabei Elemente aus dem Datenjournalismus wie Statistiken und Grafiken. Unterteilt wird der Wettbewerbsbeitrag in drei inhaltliche Kapitel: Von der Beschreibung des Erdbebens über die Phase des Wiederaufbaus bis hin zu der Zeit, in der die Betroffenen wieder Hoffnung schöpfen und ihrem regulären Alltag nachgehen können.

Klicken Sie hier, um sich die Reportage von Rahel Klein anzuschauen!


Nepal - Leben nach dem Erdbeben


von Rahel Klein

Am 25. April 2015 wird Nepal vom schwersten Erdbeben seit 80 Jahren erschüttert. 90 endlose Sekunden verändern das Leben von Millionen von Menschen für immer. Während die Regierung nach der Katastrophe im Streit versinkt und den Wiederaufbau verzögert, müssen andere Helfer einspringen. „Meine Töchter sind der einzige Grund, der mich noch am Leben hält“, sagt Kumari Gurung. Die dunklen, braunen Augen der 36-Jährigen Nepalesin sind tief traurig, als sie von diesem schrecklichen Tag im April erzählt. Sie hörte ihren Sohn unter den Trümmern ihres Hauses schreien. „Doch ich konnte ihn nicht finden.“ Durch das Beben starben ihr Sohn und ihr Ehemann.

Zerstörte Familien


Kumari lebt in Thulogau, einem 2000-Einwohner großen Bergdorf im Distrikt Rasuwa, ganz im Norden Nepals. Die meisten Bewohner sind Bauern. Sie haben ein paar Tiere – Rinder, Ziegen oder Hühner und bauen auf den Feldern Reis, Tomaten und Bohnen an. Das reicht meist gerade so zum Leben, aber viel Geld verdienen sie damit nicht. Kumaris Töchter Nisha (17) und Amisha (15) gehen zur Schule und sollen eine gute Ausbildung bekommen, damit sie sich und ihrer Familie später mal eine bessere Zukunft bieten können. Doch weiterführende Schulen sind teuer – zu teuer für die meisten einfachen Bauern.

Zwei Monate nach dem Erdbeben versprach die internationale Gemeinschaft mehr als vier Millionen US-Dollar an Hilfsgeldern. Die Voraussetzung für die Verteilung: Nepal musste eine Wiederaufbaubehörde gründen, die die Gelder transparent undgerecht verteilen sollte. Das zog sich allerdings hin. Monatelange Streitigkeiten, wiedie Behörde aussehen und wer ihr vorsitzen sollte, verzögertenden Start. Hinzu kam eine nationale Treibstoffkrise. Nepal hatte Ende September eine neue Verfassung verabschiedet. Mit der waren die Madhesi – eine nepalesische Volksgruppe, die eng mit Indien verbunden ist – nicht einverstanden und protestierten im Süden des Landes.

Die Folge: Von Anfang Oktober bis Ende Februar kam kaum noch Benzin oder Gas in Nepal an, weil kein Tanklaster aus Indien die Grenze passieren konnte. Und Nepal bezieht fast seinen ganzen Treibstoff aus dem riesigen Nachbarland. Die Hälfte der besonders vom Erdbeben Betroffenen ist mit der Erdbebenhilfe der Regierung nicht zufrieden. Angesichts der beschriebenen Krisen verwundert das nicht. Vor diesem Hintergrund ist die Arbeit nationaler und internationaler Hilfsorganisationen ganz besonders wichtig. Sie ergänzen und springen ein, wenn der Staat – aus welchen Gründen auch immer – versagt oder keine ausreichenden Mittel zur Verfügung stellt.

Direkt vor Ort helfen

Viele Hilfsorganisationen waren auch vor dem Erdbeben schon in Nepal tätig. Doch im Zuge der Katastrophe wird die Bedeutung ihrer Arbeit für die Nepalesen besonders deutlich. Auch Kumari wurde nach dem Erdbeben unterstützt. Zusammen mit dem Solidaritätsdienst International (SODI) half SAHAS (Group of Helping Hands) Nepal der 36-Jährigen beim Aufbau ihres neuen Wellblechhauses. Weil die beiden Organisationen bereits vor dem Erdbeben gemeinsame Projekte in Nepal durchführten, konnten sie aufschon bestehende Netzwerke zurückgreifen und direkt vor Ort helfen – was in den entlegenen Regionen wie in Rasuwa extrem wichtig war.

Um besonders Frauen dabei zu helfen, finanziell unabhängiger zu werden und ihren Lebensunterhalt zu sichern, führen SAHAS und SODI vor allem auch Projekte zur nachhaltigen Landwirtschaft durch. Dabei lernen die nepalesischen Frauen, wie sie Tomaten, Bohnen oder anderes Gemüse so anbauen, dass sie es auch verkaufen und damit Geld verdienen können.

Gemeinsamer Wiederaufbau

Auch abseits der Berge, mitten im Zentrum des Landes, ist die Verwüstung nach dem Erdbeben groß. Bungamati liegt keine halbe Stunde von der Hauptstadt Kathmandu entfernt. Von den 1300 Häusern wurden hier mehr als 850 zerstört. Noch immer sind die Dorfbewohner damit beschäftigt, herumliegende Steine aus dem Weg zu räumen. Doch wer durch die staubigen Straßen des Ortes geht, sieht zwischen den Bäumen, Ruinen und Wegen überall einfache, grüne Holzhäuschen. Sie erinnern ein bisschen an die grünen Monopoly-Häuser – nur in größer. Fast 300 von diesen Übergangsunterkünften hat der Arbeiter-Samariter Bund gemeinsam mit Aktion Deutschland Hilft und der Danish People`s Aid in Bungamati gebaut – oder eher bauen lassen: Gemeinsam mit den Dorfbewohnern vor Ort.

„Wir standen auf der Straße, nur mit den Dingen, die wir geradeso tragen konnten“, sagt Champa. „Woher hätten wir Geld für ein neues Haus nehmen sollen?“ Die Nepalesin bewohnt jetzt eines der insgesamt 297 erdbebensicheren Häuser. Für drei bis fünf Jahre – so lange sollen die Unterkünfte stehen bleiben. Champa hat ihr neues Heim in ein kleines Gartenhäuschen verwandelt. Auf dem Dach wachsen saftige Kürbisse, vor dem Haus blühen bunte Blumen. Sie sieht fröhlich aus – sie und ihre Familie haben jetzt auch im Winter, wenn es nachts nur wenige Grad über null sind, einen ausreichenden Schutz. „Vielen Dank für die Hilfe“, sagt Champa.