Rahel Klein spricht im Interview mit einem Opfer des Erdbebens in Nepal.
© Rahel Klein

Journalistenwettbewerb Humanitäre HilfeDie Gewinnerbeiträge des Journalistenwettbewerb Humanitäre Hilfe

27-05-2016

Rahel Klein und Jannis Carmesin sprechen im Interview über die Bedeutung der Medien nach einer humanitären Katastrophe und darüber, was sie am meisten auf ihrer Journalistenreise beeindruckt hat.

Frau Klein, Herr Carmesin, warum haben Sie sich beim Journalistenwettbewerb Humanitäre Hilfe beworben?

Jannis Carmesin: Die Ausschreibung kam über den Verteiler unseres Studiengangs, als ich gerade auf einer längeren Reise durch Südamerika war. Dort habe ich zum ersten Mal im Ausland journalistisch gearbeitet und gemerkt, dass es mir ziemlich viel Spaß macht, ein Stück der Welt zu erklären, das viele Leser vielleicht niemals zu Gesicht bekommen werden. Durch Auslandsberichterstattung prägen Journalisten die Bilder, die Leser, Zuhörer und Zuschauer in ihren Köpfen speichern und die später vielleicht ihre Haltung und Handlung beeinflussen. Das reizt mich und ist speziell für den Bereich der Humanitären Hilfe auch eminent wichtig. Denn bei allem Bestreben, Resilienz und Selbsthilfe zu fördern, braucht es nunmal auch weiterhin Privatpersonen, die Humanitäre Hilfe durch Spenden erst ermöglichen.

Rahel Klein: Ich bin zufällig in einer Facebookgruppe auf die Ausschreibung gestoßen und habe mir sofort gedacht: Das ist das, was ich immer machen wollte! Ich möchte über Geschichten mit Gehalt berichten, über Themen, die zeitgeschichtlich und gesellschaftlich relevant sind. Über Menschen und Ereignisse in Krisengebieten, über die berichtet werden muss, weil ich es wichtig finde, dass andere das sehen.

Warum?

Klein: Ich bin dankbar dafür, wie gut wir es haben. Wir leben in einer europäisch-deutschen Blase und verlieren schnell den Blick dafür, wie es Menschen außerhalb unseres Mikrokosmos geht. Deswegen war der Wettbewerb eine riesige Chance für mich.

Was hat Sie auf Ihrer Journalistenreise am meisten beeindruckt?

Carmesin: Es gab da einen Moment am dritten oder vierten Tag meines Aufenthalts in Somaliland: Wir sind mit einem Dorfarzt in eine Siedlung gefahren, in der vor allem Binnenflüchtlinge leben. Dort wollte er die Kinder der dort lebenden Familien untersuchen. Die meisten waren gut drauf und sichtlich begeistert über meinen Besuch und ich habe ein wenig mit ihnen herum gealbert und sie mit meiner Kamera spielen lassen. Als ich dann schon mit meinen Videoaufnahmen und Fotos begonnen hatte, kam aber ein kleines Mädchen im Arm ihrer Mutter dazu, das sichtlich unterernährt war. Ich war schon voll in meinem Reportermodus, habe die Szene geknipst und gefilmt - bis ich bemerkt habe, dass dem Kind das ziemlich Angst gemacht hat. Da hat es mich erstmal durchzuckt und ich konnte eine halbe Stunde lang erstmal nichts mehr sagen. Der Moment war sehr intensiv, weil ich das erste Mal gespürt habe, in was für einem ethischen und moralischen Dilemma Journalisten sind, die aus Krisenregionen berichten. Man will diese Geschichten erzählen, die Probleme sichtbar machen und muss gleichzeitig große Rücksicht auf die Menschen nehmen, die man da vor sich hat. 
In positiver Hinsicht hat mich aber auch beeindruckt, dass in den Projekten mit wenigen Mitteln ziemlich beeindruckende Ergebnisse erzielt werden. Die Methoden sind teilweise uralt, etwa die Sanddämme in Kenia, und brauchen wenige bis keine externen Ressourcen, wie zum Beispiel die FMNR-Projekte in Somalia. Weil sie aber an die in diesen Ländern jeweiligen Realitäten vor Ort angepasst sind und die betroffenen Menschen einbinden, funktionieren sie gut - auch ohne großen finanziellen oder personellen Aufwand. Das hatte ich so nicht erwartet.

Klein:
Die Menschen! Ein halbes Jahr nach so einer Katastrophe haben sie sich wieder aufgerafft und nicht den Mut verloren. Sie haben mich als Journalistin empfangen, mich nach Hause eingeladen und von dem Moment erzählt, in dem sie ihren Ehepartner oder ihr Kind verloren haben. Das hat mich unglaublich beeindruckt. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen sind für diese Menschen da. Dadurch schöpfen sie neue Hoffnung.

Welche Rolle spielt bei dieser Hilfe der Journalistenwettbewerb von Aktion Deutschland Hilft?

Klein: Das Wichtige am Journalistenwettbewerb ist für mich, dass wir neue Formen entwickeln, wie wir über humanitäre Katastrophen berichten. Medien berichten oft anlassbezogen. Vielleicht richtet sich die Aufmerksamkeit ein Jahr später nochmal auf die Problematik. Das entspricht aber überhaupt nicht der Lebenswirklichkeit der Menschen. Da passiert etwas, die Leute schauen hin und spenden vielleicht. Aber was danach passiert, die jahrelangen Folgen einer solchen Katastrophe, die sieht oft keiner mehr, weil es keinen Anlass gibt. Deswegen war der Ansatz des Wettbewerbs ein sehr guter. Zu schauen, wie wir mehr Aufmerksamkeit erzielen können, auch wenn kein Jahrestag vorliegt. Beispielsweise durch multimediales Erzählen.

Carmesin: Welchen Effekt der Wettbewerb selbst hat, kann ich schlecht einschätzen. Ich glaube, dass es wichtig gewesen wäre, den Beiträgen über eine Veröffentlichung in etablierten Medien mehr Öffentlichkeit zu geben. Einige der anderen Nominierten haben das auch getan. Ich habe versucht, meine Reportage zu verkaufen - aber für die Redaktionen war die Gestaltung zu aufwändig und das Thema zu sperrig. Deshalb hat der Beitrag leider nicht Aufmerksamkeit bekommen, die ich mir erhofft hatte. Definitiv positiv wurde der Wettbewerb aber von den Menschen vor Ort aufgenommen. Ich wurde mehrfach singend und tanzend empfangen. Dass es jemanden interessiert, wie sie versuchen, sich mit harter Arbeit ihrer Probleme zu entledigen, hat die Leute echt gefreut.