Journalistenpreis Humanitäre Hilfe"Überrascht über die herzliche Genügsamkeit, die viele Nepalesen an den Tag legen"

03-04-2018

von Aktion Deutschland Hilft

Fast 9000 Menschen starben, als im April 2015 die Erde in Nepal bebte. Mehr als eine halbe Millionen Häuser wurden bei dem Erdbeben der Stärke 7,8 zerstört, die Naturkatastrophe traf die Ärmsten der Armen.

Adrian Breda wurde 2018 als einer von sechs Journalisten für den "Journalistenpreis Humanitäre Hilfe" nominiert und hat sich die aktuelle Situation angesehen. Im Interview spricht er von seinen Eindrücken, seinen prägendsten Erlebnissen und seinem Faible für Datenjournalismus.

Aktion Deutschland Hilft: Herr Breda, Sie haben sich für den "Journalistenpreis Humanitäre Hilfe" beworben und gehören jetzt zu den sechs nominierten Journalisten. Aus welcher Motivation heraus haben Sie sich beworben?

Adrian Breda: Gerade als Freier Journalist ist es schwer, aus dem Ausland zu berichten. Denn die Kosten sind meist schlicht zu hoch, um einfach loszufahren. Und ob man mit einer relevanten Geschichte zurückkommt, für die jemand ein vertretbares Honorar zahlt, weiß man vorher auch nicht. Insofern war der Journalistenpreis eine wirklich gute Gelegenheit. Dazu kommt natürlich noch das Thema der Humanitären Hilfe, das mich interessiert: Wie leben, arbeiten und denken Menschen, die von so heftigen Krisen betroffen sind? Welche Probleme gibt es? Wann kehrt Normalität ein?

Mit Ihrer Nominierung haben Sie nicht nur erfahren, dass Sie Projekte der Hilfsorganisationen action medeor und CARE besuchen werden, sondern auch, dass Ihr Reiseland Nepal sein wird. Was waren Ihre ersten Gedanken?

Klar, ich wusste, dass es 2015 ein ziemlich starkes Erdbeben gegeben hatte. Viel mehr zugegebenermaßen nicht. Dieses Unwissen habe ich dann schnell als Rechercheansatz genutzt: Wie sieht es heute dort aus? Was hat sich in den knapp drei Jahren getan? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht der einzige bin, der diese Krise aus den Augen verloren hat. Dabei ist das Thema ziemlich brisant: Bisher wurden gut zehn Prozent der Häuser wiederaufgebaut – und das hat natürlich bis heute krasse soziale, gesundheitliche und politische Implikationen.

Im Februar nominiert, im März nach Nepal gereist – viele Ereignisse in kürzester Zeit. Wie haben Sie sich auf Ihre Reise vorbereitet?

Das Vorgehen unterscheidet sich nicht stark von anderen Recherchen: mit Experten sprechen, die Augen offenhalten und viel lesen, zum Beispiel die lokale Presse. Zu Beginn der Reise hatte ich keine konkrete These oder Frage, auf die ich eine Antwort haben wollte. Insofern habe ich mich relativ breit vorbereitet und versucht, vor Ort einen Schwerpunkt zu finden.

Ein Erdbeben, das bereits drei Jahre zurückliegt und Elend hervorrief, mit dem die Menschen noch heute kämpfen. Sie hatten vor Ihre Reise bestimmt eine Vorstellung von dem, was Sie erwartet. Wie haben sich Ihre Bilder durch Ihre Reise bestätigt oder weiter geformt?

Ehrlich gesagt hatte ich gar keine bestimmte Vorstellung von dem, was mich erwarten würde. Und das war wohl auch ganz hilfreich, denn diese Vorstellung hätte sicherlich wenig mit der Realität gemein gehabt. Es ist natürlich immer heikel, gleich einem ganzen Land eine bestimmte Mentalität zuzusprechen. Trotzdem war ich überrascht über die herzliche Genügsamkeit, die viele Nepalesen an den Tag legen.

Adrian Bredas Reise nach Nepal: Klicken Sie sich durch die Bildergalerie (8 Bilder)



Gibt es eine spezielle Situation oder Begegnungen besonderer Art, die für Sie langfristig prägend sein werden?

Da gibt es einige. Am nachhaltigsten war wohl der Besuch bei Shusma Baniya, einer 40-jährigen Witwe. Seit dem Beben von 2015 lebt sie mit ihren beiden zehn und 13 Jahre alten Kindern in einer "temporary shelter", also einer vermeintlich vorübergehenden Behausung. Das ist eine etwa acht Quadratmeter große Wellblechhütte, in der es außer zwei Betten und einer Feuerstelle nichts gibt. Im Winter ist es ziemlich kalt und während der Monsunzeit extrem feucht, da der Boden aus festgetretener Erde besteht.

Sie haben ein besonderes Faible für neue Darstellungsformen und interaktive Datenvisualisierungen. Wie haben Sie dieses Faible für sich entdeckt?

Das wird vermutlich aus der Perspektive des Lesers beziehungsweise Rezipienten gewesen sein. Der nächste Schritt war dann, so etwas auch einmal selbst zu produzieren. Ganz wichtig ist für mich dabei der Dienstleistungsgedanke. Ich bin kein verkapptes Schriftsteller-Genie, sondern ein Informationsbereitsteller, der versucht, ein möglichst gutes Produkt abzuliefern. Wenn sich da bestimmte Darstellungsformen anbieten, dann möchte ich sie auch nutzen können.

Was könnte Datenjournalismus aus Ihrer Sicht ganz besonders für die Berichterstattung zu humanitärer Hilfe bewirken?

Datenjournalismus ist eine Recherche- beziehungsweise Darstellungsmethode unter vielen – und die haben selbstverständlich alle ihre Daseinsberechtigung. Insofern sollte man da vielleicht nicht allzu hohe Erwartungen haben. Es könnte jedoch einen strategischen Vorteil geben, wenn man so will: Datenjournalismus ist vergleichsweise neu. Das könnte hilfreich sein, denn die Humanitäre Hilfe kämpft ja standardmäßig gegen die Medienlogik: eine Krise löst die nächste in der Berichterstattung ab – obwohl die erste Krise noch gar nicht gelöst ist. Ob sich das Publikum für alte Krisen in neuem medialen Gewand interessiert, das wird man sehen müssen.

Nach Ihrer zehntägigen Recherchereise in Nepal hat der Alltag für Sie wieder begonnen – Ihr Journalistikstudium an der Universität Leipzig und Ihre journalistische Tätigkeit für unter anderem Detektor.fm. Nehmen Sie Eindrücke aus Nepal nun aus ganz unterschiedlicher Sicht mit in Ihren Alltag?

Um das zu beantworten, ist es vermutlich noch ein bisschen zu früh. Auf meine Arbeit wird sich die Reise aber vermutlich nicht allzu stark auswirken, da ich hauptsächlich Inlands-Themen bearbeite. Persönlich hat sich meine Sicht jedenfalls verändert: Wenn man mit so krassen Lebensumständen konfrontiert wird, dann relativieren sich die eigenen Probleme natürlich doch recht stark.