Kinder in NotDie Schwächsten stärken

27-01-2011

Gesundheit, Bildung, Prävention:
Die Bündnispartner unterstützen Kinder in Krisengebieten


Als im Dezember 2004 ein schweres Seebeben einen Tsunami auslöste, drangen in vielen Ländern Südostasiens haushohe Flutwellen kilometerweit landeinwärts, um später mit einem gewaltigen Sog ganze Stadtviertel mit sich zu reißen. Anfang Mai 2008 fegte der tropische Wirbelsturm Nargis mit Spitzengeschwindigkeiten von 165 km/h über weite Teile des Irrawaddy-Deltas in Birma. Im Januar 2010 verursachte ein gewaltiges Erdbeben in und um die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince eine Trümmerlandschaft von mindestens 25 Millionen Kubikmetern. Naturkatastrophen bergen derart immense Gewalten in sich, dass ein Kind diesen absolut schutzlos ausgeliefert ist. Experten gehen daher davon aus, dass nahezu bei jeder Naturkatastrophe mindestens die Hälfte der Todesopfer Kinder sind.

Jene Kinder, die mit dem Leben davonkommen, haben es deshalb noch längst nicht geschafft. Viele tragen schwerste Verletzungen davon. Andere verlieren auf der Flucht ihre Familie und irren alleine und schutzlos umher. Immer wieder sterben in Katastrophenregionen zahllose Kinder in Folge von Wassermangel und Nahrungsmittelknappheit, fehlender Hygiene oder schlechter medizinischer Versorgung. Hinzu kommen jene derzeit rund 30 Millionen Kinder, die in Kriegsregionen leben. Nach Angaben der Vereinten Nationen starben von ihnen etwa zwei Millionen in den Kriegen der letzten zehn Jahre; sechs Millionen erlitten schwerste Verletzungen. In bestimmten Krisen- und Konfliktgebieten ist die Gefahr entführt und missbraucht zu werden extrem groß. In Ländern wie zum Beispiel der Demokratischen Republik Kongo werden Mädchen und Jungen oft gewaltsam dazu gezwungen, als Kindersoldaten zu kämpfen – weltweit sind über 250.000 Kindersoldaten für Rebellen- und Regierungsarmeen im Einsatz.

Zentren gegen Traumata

Die Probleme sind also vielschichtig und von existenzieller Bedeutung. Die Nothilfe für Kinder muss daher auf eigenen Ansätzen basieren – Kinder benötigen einen ganz speziellen Schutz. Viele Bündnispartner haben dies frühzeitig erkannt. So beginnen zum Beispiel World Vision oder auch CARE bereits in einer frühen Phase der Nothilfe damit, spezielle Betreuungszentren für Kinder einzurichten. Viele der Mädchen und Jungen in diesen Zentren müssen tage- oder auch wochenlang mit der Ungewissheit über den Verbleib ihrer Eltern leben. Andere wissen vom Tod ihrer Familienangehörigen oder Freunde und brauchen Unterstützung, um diese Eindrücke verarbeiten zu können. In den Zentren von World Vision, den sogenannten „Child Friendly Spaces“, arbeiten einheimische Helfer, die von World Vision-Experten geschult und unterstü̈tzt werden. Hier kümmert man sich um die physischen und psychischen Belange der Kinder – die Helfer lesen und spielen, malen und basteln, singen und tanzen mit ihnen – einfache Möglichkeiten, um die schrecklichen Erlebnisse verarbeiten zu können.

Die Verarbeitung von Traumata steht derzeit auch im Mittelpunkt der CARE-Betreuungszentren in Haiti. Eltern werden hier geschult, ihre Kinder mit Hilfe von Spiel und Sport dabei zu unterstützen, die schrecklichen Erfahrungen zu verarbeiten. Dazu verteilt CARE Spielpakete mit Materialien wie Bällen und Stiften. Außerdem lernen die Eltern, besonders schwere Traumata zu erkennen und die betroffenen Kinder dann an geschulte Psychologen zu übermitteln. Aufgrund der großen Anzahl der betroffenen Kinder können nicht alle psychologisch betreut werden. Deshalb setzt das Projekt auf die Familie und das soziale Umfeld. Durch die Schulung der Gemeindemitglieder und der Verteilung der Freizeit-Pakete werden die Selbsthilfekräfte der Bevölkerung gestärkt. „Sport hilft den Kindern, ihre Routine wiederzufinden und sich abzulenken“, erklärt Claudel Choisy, CARE-Projektbetreuer vor Ort. „Er gibt ihnen aber auch Selbstbewusstsein und ein Gefühl von Kontrolle zurück. Denn Kinder lieben den Wettbewerb, und durch Sport können sie schnelle Erfolgserlebnisse feiern.“ Ähnliche Projekte hat AWO International auf den indonesischen Inseln Java und Sumatra nach den dortigen Erdbeben durchgeführt.

Behandlung und Vorsorge

Das Problem der Mangelernährung ist unter anderem im ugandischen Maracha zu beobachten, einem kleinen Ort nahe der Grenze zum Südsudan. „Im dortigen Krankenhaus unterstützen wir das Ernährungszentrum für unter- und mangelernährte Kinder“, sagt Sibylle Gerstl von Malteser International.

„Zusätzlich zur Behandlung der Unterernährung versucht unser Ernährungszentrum die Kinder vor Rückfällen zu bewahren indem sie Hausbesuche vornimmt.“ Teams wiegen die Kinder zu Hause und ermutigen die Mütter, die Anleitungen zur richtigen Ernährung zu beachten. Außerdem versuchen sie, weitere Familienmitglieder in die Sicherstellung der Ernährung des Kindes mit einzubeziehen. Wie wichtig die Arbeit der Malteser ist, zeigt die Tatsache, dass jährlich über 5,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren an Krankheiten in Folge chronischer Mangelernährung sterben. In den von regelmäßigen Überschwemmungen und Dürreperioden betroffenen Ländern Burkina Faso und Niger widmet sich der Bonner Bündnispartner Help dem Thema Gesundheitsversorgung:

In den Departements Mayahi und Tera in Niger sowie Dori und Sebba in Burkina Faso erhalten 450.000 Kinder unter fünf Jahren sowie schwangere und stillende Mütter eine kostenlose Behandlung, Geburtshilfe und Nachsorge. Damit schnelle Hilfe Leben rettet, werden auch die Krankentransporte und die Medikamente von Help finanziert. Vorsorgeprogramme sowie regelmäßige Kontrollen von Gewicht und Wachstum der Kleinkinder sorgen für einen nachhaltigen Erfolg. In den von Help betreuten Gebieten sinken Mütter- und Kindersterblichkeit kontinuierlich und die Behandlungsrate in den Gesundheitszentren steigt.
Auch das Hammer Forum hat sich der Behandlung von erkrankten und verletzten Kindern in Kriegs- und Krisengebieten verschrieben. Unterdessen widmet sich das Kinderhilfswerk Global Care dem Thema Bildung: Denn im südindischen Chennai finden Kinder, die infolge des Tsunami ihre Eltern verloren haben, im „House of Hope – Haus der Hoffnung“ nicht nur eine neue Bleibe – dort erhalten sie fundierte Bildung und haben auch genug Zeit zum Spielen und Toben.

Präventives Handeln steht im Mittelpunkt


Von zentraler Bedeutung ist zudem die Prävention. Weltweit sterben jeden Tag 6000 Kinder – und zwar an vermeidbaren Durchfallerkrankungen, die durch mangelnden Zugang zu sauberem Wasser und zu Sanitärsystemen verursacht werden. So haben zum Beispiel über 60 Prozent der Bevölkerung Namibias keinen Zugang zu Toiletten. Vor allem Kinder leiden am meisten darunter, da sie anfälliger für Infektionserkrankungen sind. „Adäquate Hygiene beugt schweren Krankheiten vor“, sagt Dörte Lü̈neberg vom Berliner Bündnispartner SODI. „Aus diesem Grund errichten wir in Namibia 600 Trockentoiletten.“ Zudem werden Kinder im Rahmen des SODI-Projektes durch die Kindergärtnerin angeleitet, wie man richtig auf die Toilette geht und über allgemeines hygienisches Verhalten aufgeklärt.

Präventiv sind auch die Maßnahmen des Arbeiter-Samariter-Bundes in Indonesien zu verstehen. Der größte Inselstaat der Welt wird immer wieder von Erdbeben, Erdrutschen, Überschwemmungen und Vulkanausbrüchen heimgesucht – zu wissen, wie man sich bei einer Naturkatastrophe richtig verhält, kann Leben retten. Insgesamt nahmen seit Beginn des ASB-Programms mehr als 500.000 Grundschulkinder sowie 5000 Lehrer in 2500 Grundschulen der Provinzen Zentral-Java, West-Java und Nord-Sumatra an den Trainings teil. Auch Kinder mit Behinderung wurden in das Programm einbezogen: So wurde zum Beispiel für blinde Kinder Audiomaterial und für gehörlose Kinder Videomaterial produziert, das über lebensrettende Maßnahmen informiert.