KatastrophenvorsorgeMartin Hiltbrunner: Lösungen, auf die man sich im Notfall verlassen kann

von Aktion Deutschland Hilft

Seit der Flutkatastrophe im Juli 2021 ist Katastrophenvorsorge auf tragische Weise ein großes Thema in Deutschland geworden.

Wie setzen Länder in ärmeren Regionen Präventionsmaßnahmen um? Und wie kann Vorsorge trotz politischer und gesellschaftlicher Herausforderungen funktionieren? Diese und weitere Fragen beantwortet Martin Hiltbrunner im Interview.

Martin Hiltbrunner ist Referent für Humanitäre Hilfe bei World Vision Deutschland und Experte für Frühwarnsysteme und Notfallpläne. World Vision, Bündnisorganisation von Aktion Deutschland Hilft, setzt weltweit Hilfsprojekte zur Katastrophenvorsorge um.

Aktion Deutschland Hilft: Herr Hiltbrunner, was können Deutschland oder die Europäische Union von anderen Ländern bezüglich Katastrophenvorsorge lernen?

Martin Hiltbrunner: Wir alle können grundsätzlich voneinander lernen. Und mit Blick auf Katastrophenvorsorge gibt es sicherlich Dinge, die wir uns von Ländern in anderen Weltregionen abschauen können. Wo weniger technische Kapazitäten, weniger Budget oder weniger gut ausgebildetes Personal vorhanden sind, müssen Menschen einfachere Mittel und Wege finden, mit den Risiken umzugehen. "Simple is beautiful", sozusagen.

"Simple is beautiful" – wie meinen Sie das?

Ganz wichtig bei der Frühwarnung ist beispielsweise: Verstehen die Menschen, was die Warnsignale bedeuten? Sind sie für alle Bevölkerungsgruppen verständlich? Wissen sie, was sie tun müssen? Es müssen nicht unbedingt technische Maßnahmen sein – sie müssen vor allem unter Katastrophenbedingungen verlässlich sein. Das sind wichtige Faktoren, auch bei der Frühwarnung in Deutschland und Europa.

Wie leistet World Vision Katastrophenvorsorge?

Katastrophenvorsorge findet nicht isoliert statt, sondern wird häufig auf verschiedenste Art und Weise in Hilfsprojekte integriert, wenn es inhaltliche Anknüpfungspunkte gibt. Als kinder-fokussiertes Hilfswerk integrieren wir die Maßnahmen oft in Bildungsprojekte. Kinder erhalten dann nicht nur Zugang zu Bildung, sondern lernen auch, wie sie mit Risiken von möglichen Katastrophen umgehen können.

Gleichzeitig unterstützen wir Familien dabei, sich mit Einkommen-generierenden Aktivitäten an die Veränderungen anzupassen, die der Klimawandel mit sich bringt. Unsere Projekte haben oft einen starken "multisektoralen Ansatz". Das heißt, wir kombinieren Aktivitäten verschiedener Sektoren wie Bildung, Kinderschutz oder Einkommensförderung in einem Projekt.


Bildergalerie: Katastrophenvorsorge durch Notfallpläne


Außerdem arbeiten wir häufig mit Dorfgemeinschaften. Wir fragen direkt vor Ort: Was brauchen die Menschen, um sich zum Beispiel bei einem Erdbeben besser schützen zu können? Die Analyse der Risiken sowie die nötigen Hilfsmaßnahmen werden gemeinsam mit den Einwohnern erarbeitet.

In vielen Ländern stehen wir im Kontakt zu staatlichen Einrichtungen. Wir wenden uns zunächst an die Provinzebene, dann an die nationale Regierung und machen auf die Herausforderungen der Bevölkerung aufmerksam.

Haben Sie ein Beispiel für so ein Hilfsprojekt?

Somalia ist ein gutes Beispiel – leider. Es gibt viele Probleme: den Bürgerkrieg, häufige Überschwemmungen und Dürren, Armut. Unter diesen schwierigen Bedingungen versucht ein großer Teil der Menschen, von Land- und Viehwirtschaft zu leben. Auf Unterstützung von der Regierung – nachdem etwa Unwetter die Ernte zerstört haben – können sie dort nicht hoffen.


Das Hauptziel unserer Hilfsprojekte zur Katastrophenvorsorge ist deshalb, die Resilienz der gefährdeten Bevölkerung zu erhöhen: damit es ihnen gelingt, durch ihre Vieh- und Landwirtschaft genug Einkommen zu erwirtschaften, um sich und ihre Familien zu versorgen. Und Ersparnisse, die Dorfgemeinschaften in Spargruppen zusammenlegen, helfen, für Krisenzeiten vorbereitet zu sein.

Wichtig ist außerdem, dass die Dorfgemeinschaften Risiken frühzeitig erkennen und darauf reagieren können. Dank Wettermessstationen, die wir in einigen Provinzen installiert haben, können sie rechtzeitig die Anzeichen einer Dürre feststellen. Dafür bilden wir Dorfkomitees, die wir darin schulen, die Informationen auszulesen und an die anderen Bewohner zu kommunizieren. 

World Vision arbeitet vor allem mit Kindern und deren Familien. Wieso ist es so wichtig, bei Katastrophenvorsorge jüngere Menschen einzubeziehen?

Es ist wichtig, Kinder schon früh für mögliche Gefahren und ihre Folgen zu sensibilisieren und den richtigen Umgang mit diesen Risiken zu zeigen.

Ein Vergleich: In Deutschland machen Grundschüler die Fahrradprüfung und zeigen, dass sie dem Straßenverkehr gewachsen sind. Und in dem Dorf, in dem ich wohne, gibt es eine Kinderfeuerwehr. Die Mädchen und Jungen lernen, dass Feuer großen Schaden anrichten kann – aber auch, wie man mit Geräten Brände löschen kann.


In Asien setzen wir besonders viele Projekte zur Katastrophenvorsorge mit Kindern um, etwa in Sri Lanka. Dort bilden wir Kinderclubs, beziehen Kinder von Anfang an in das Projekt ein. Das ist wichtig, da Kinder Gefahren für sich und Gleichaltrige erkennen, die Erwachsene nicht sehen oder als anders gefährlich einstufen.

Sie lernen, wie sie mit den Risiken umgehen können. Und wir erklären ihnen, wie sie das Wissen an ihre Eltern, Geschwister und Freunde weitergeben – damit die Katastrophenvorsorge alle erreicht.


Katastrophenvorsorge verhindert Leid, bevor es geschieht. Helfen Sie uns, zu helfen – jetzt mit Ihrer Spende!

Aktion Deutschland Hilft, Bündnis deutscher Hilfsorganisationen,
bittet um Spenden für die Katastrophenvorsorge:

Spenden-Stichwort: Katastrophenvorsorge
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