Hilfe für Flüchtlinge: Kind in einem Flüchtlingslager im Nordirak

GastkommentarDr. med. Oliver Schwarz über den Umgang mit traumatisierten Menschen

02-03-2015
Dr. med. Oliver Schwarz

Je suis Charlie: Herausforderungen von Berichterstattung in Extremsituationen

Die Bilder wackeln, es fallen Schüsse, Menschen fliehen in Panik, mitten in Europa herrschen kriegsähnliche Zustände. Der Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazin Charlie Hebdo löst weltweit Bestürzung aus.
Ob Amoklauf, Terroranschlag oder Naturkatastrophe: Die Medien sind immer live dabei. Denn die Öffentlichkeit ist es gewohnt, die neusten Informationen in Form von Bildern, Berichterstattungen oder Zeugenaussagen zu erhalten. Möglichst authentisch, real und nah.

Egal ob in Syrien, in Somalia, im Irak oder in Paris. Eine der schwierigsten Aufgaben für einen Berichterstatter in Krisengebieten und im Katastropheneinsatz sind die Interviews mit Zeugen, Opfern und Hinterbliebenen. Taktvoll, empathisch und zurückhaltend zu sein, obwohl die Zeit rennt und der Druck wächst, ist für Journalisten wohl eine der größten Herausforderungen.

Wenn sich Bilder nicht mehr abstellen lassen


Die junge Frau ist selbst noch fast ein Kind und hat gerade ihren Sohn bei dem Pariser Terroranschlag verloren. Die Frau ist benommen, verstört, ratlos. Ständig kreisen die Bilder des Geschehens in ihrem Kopf.

Akut traumatisierte Menschen leiden häufig an sogenanntem intrusivem Erleben. Bilder und Szenen drängen sich ständig und unnachgiebig in Form von Flashbacks auf. Die Folge: Die Betroffenen finden keinen Schlaf oder haben Albträume. Oft finden sie kaum eine Möglichkeit den „inneren Film“ abzustellen.

Dem Wunsch des Einzelnen entsprechen

Dennoch werden traumatisierte Menschen befragt, vernommen, manchmal sogar bedrängt und so an das Geschehene erinnert. Die Frage die sich hier aufdrängt ist: Kann das gut sein?
Aus physiologischer Sicht ist es eine vollkommen normale Reaktion, wenn sich nach einem traumatischen Ereignis die Szenen und Bilder im Kopf in den ersten Stunden und Tagen danach wiederholen. Viele Menschen haben sogar den Wunsch darüber zu berichten und sich auszutauschen. Einige aber möchten alleine sein, um das Geschehene für sich begreifen zu können. Dem Wunsch des Einzelnen in derart belastenden Situationen sollte unbedingt entsprochen werden. Informationen sollten nicht „erzwungen“ werden.

Das Interview: Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu

Traumatisierte Menschen brauchen in erster Linie Respekt, Ruhe, Geborgenheit und emotionale Nähe. Häufig reicht ein Zuhörer, der einfach nur da ist, die Hand hält, Trost spendet, eine Decke, einen Becher Tee parat hält und ein Raum abseits der Katastrophe. Ersthelfer sind darin geschult, die richtigen Fragen zu stellen, und die Betroffenen dort abzuholen, wo sie sich emotional gerade befinden. Und das ist häufig die bisher schlimmste Situation ihres Lebens.

Die Welt sieht zu, möchte über jedes Detail informiert und möglichst nah dran sein. Der Berichterstatter ist häufig in Not, schnell handeln zu müssen. Einerseits möchte er dem Hinterbliebenen taktvoll begegnen, andererseits soll der Voyeurismus der Zuschauer zeitnah befriedigt werden. Ein Drahtseilakt.

Bei einem Interview sollte dem Betroffenen ein umfassender Einblick in die Abläufe und das Vorgehen der Medienmaschinerie gegeben werden. Er selbst sollte mitbestimmen können, wie die Rahmenbedingungen für seine Befragung sein sollen.

Es sollte vor einem Interview klar sein, dass die Befragung mit einem Stopp-Zeichen jederzeit unterbrochen oder auch abgebrochen werden kann. Der Interviewer sollte nicht zu direktive Fragen stellen, um dem Betroffenen die Möglichkeit zu geben, das Tempo der Befragung mitgestalten zu können. Neben einer empathischen Grundhaltung sollte sich der Interviewer stets hinterfragen, ob er selbst in einer entsprechenden Situation bestimmte Fragen beantworten würde, oder eher nicht. Hier sind Feingefühl und Behutsamkeit, sowie Introspektionsfähigkeit wichtige Voraussetzungen für das Gelingen einer solchen Aufgabe vonnöten.

Transgenerationale Traumatisierung: Wenn Bilder ansteckend werden

Kaum zu glauben, aber möglich: In Einzelfällen können durch Schilderung eines traumatischen Erlebnisses auch beim Zuhörer Bilder im Kopf entstehen, obwohl dieser nicht direkt am Geschehen beteiligt war. Traumata können folglich auch über Generationen hinweg „vererbt“ werden. Der Prozess wird transgenerationale Traumatisierung genannt.

Diese „Vererbung“ macht es auch für Journalisten unerlässlich, sich vor den Schilderungen der Betroffenen zu schützen. Denn Bilder sind mächtig und können eine ungewollte Kontrolle ausüben. Daher gilt es hier einerseits Selbstfürsorge walten zu lassen und andererseits Abgrenzung zu praktizieren. Dies kann möglich sein, indem man sich auf die eigenen inneren Stärken beruft und die Fähigkeiten erlernt, das innere Gleichgewicht, die Balance wiederzuerlangen bzw. aufrecht zu erhalten. Sich im Hier und Jetzt zu verankern und Vergangenheit und Zukunft dabei auszublenden, ist als erster Schritt sicherlich zuträglich.

Für den Interviewer gilt dasselbe wie für die Betroffenen. Ein empathisch-rücksichtsvoller Umgang aller Beteiligten mit dem Berichterstatter. Erfahrene Kollegen können hier unterstützend als „Ersthelfer“ fungieren. Den Newcomern in dem Gebiet des Journalismus sollten die Etablierten als Mentor und Vorbild dienen.

Jeder von uns ist statistisch gesehen einmal im Leben Opfer, Zeuge und Hinterbliebener. Wir alle wünschen uns dann Respekt, Ruhe, und einen taktvollen Umgang. Daher gilt für uns alle: Nous sommes Charlie.