Volker Schwenck im Südsudan
© Aktion Deutschland Hilft

Hunger im SüdsudanSüdsudan: "Der Frieden muss von innen kommen"

08-05-2017
ARD-Korrespondent Volker Schwenck

Interview mit Volker Schwenck

Der ARD-Korrespondent Volker Schwenck war im März mit Aktion Deutschland Hilft im Südsudan. Im Video-Interview erklärt er, warum die Krise menschengemacht ist und warum die internationale Gemeinschaft an ihre Grenzen stößt.

Herr Schwenck, immer wieder heißt es: Der Hunger ist menschengemacht. Ein Armutszeugnis, oder?

Das ist es ganz ohne Zweifel. Ja, diese Not ist menschengemacht. Es liegt daran, dass ein Krieg viel Geld kostet, dass Frieden nicht in Sicht ist, dass Bauern vertrieben wurden, die jetzt nicht mehr anbauen. Es gibt keine Lebensmittel. Das wäre wichtig in dem landwirtschaftlich geprägten Land.

Außerdem steht der Nil nicht für die Schifffahrt zur Verfügung. Die Nahrung, die von der internationalen Gemeinschaft nach Juba geliefert wird, kann nicht weitertransportiert werden. Das bedeutet, dass große Städte wie Malakal im Norden des Landes nicht versorgt werden können.

Eine Ergänzung noch: Die Inflation im Südsudan beträgt 800 Prozent. Das ist die weltweit höchste Inflationsrate. Man muss sich das so vorstellen: Ein Lehrer bekommt im Monat in etwa 1.500 südsudanesische Pfund. Damit kann er genau einmal auf dem Markt einkaufen gehen und eine mittelgroße Tüte mit Lebensmitteln füllen.

Gewalt und Unterversorgung sind die Gründe für die Situation. Wenn die Regierung es selbst nicht schafft, den Hunger in den Griff zu bekommen, könnten die Vereinten Nationen nicht mehr tun?

Die Vereinten Nationen tun schon sehr viel. Man hat den Eindruck, die Versorgung der Zivilbevölkerung liegt vor allem in den Händen der internationalen Gemeinschaft. Wir waren [während der Medienreise mit Aktion Deutschland Hilft] in Wau im Nordwesten des Landes und haben eine Schule besucht. Da gibt es eine Schulspeisung am Tag. Für die Kinder ist das die einzige Mahlzeit, mehr gibt es nicht. Wir haben dort auch Menschen getroffen, die Blätter von den Bäumen essen, weil sie nicht anderes haben. Und manchmal gibt es auch tagelang überhaupt nichts.

Die internationale Gemeinschaft kommt an ihre Grenzen. Zum einen, was die Menge der Notleidenden angeht. Es ist schlichtweg nicht genug Geld da, um all diesen Menschen zu helfen. Und zum anderen, was den Konflikt in diesem Land angeht. Wo gekämpft wird kommen die Helfer kaum hin, dort können die Menschen nicht versorgt werden und genau dort sind derzeit etwa 100.000 Menschen akut vom Hungertod bedroht. Sie haben so wenig Essen, dass sie daran sterben und keiner kann ihnen wirklich helfen.

Ist die internationale Staatengemeinschaft vielleicht zu schwach? Warum gelingt es nicht, dauerhaft für Frieden in der Region zu sorgen?

Dieser Frieden muss von innen kommen, dieser Frieden muss von der Regierung und den Widersachern dieser Regierung kommen. Die müssen sich an einen Tisch setzen und ernsthaft verhandeln. Im Moment hat man nicht den Eindruck, dass das passiert. Man hat nicht einmal den Eindruck, dass die Regierung daran Interesse hat. Die Vereinten Nationen können nicht mit Gewalt für Frieden in diesem Land sorgen und Gewalt wäre notwendig, um die südsudanesische Armee zu entwaffnen. Das ist nicht Aufgabe der Vereinten Nationen, sondern der Schutz von Zivilpersonen in ihren Lagern.

Seit 2011 ist der Südsudan unabhängig. Fehlt dem Land vielleicht auch die Identität bei den vielen Stämmen im Land?

Das mag ein Problem sein. Wir sehen ja, dass dieser Konflikt immer mehr einen ethnischen Zug bekommt. Die Volksgruppe Dinka ist der größte Stamm im Südsudan und macht etwa 40% der Bevölkerung aus. Diesem Stamm gehört der Präsident Salva Kiir an. Das ist gewissermaßen der Elitestamm und die Spannungen verschärfen sich. Es scheint, als wolle der Stamm der Dinka alle anderen Stämme dominieren, und es gibt immerhin noch über 60 andere Stämme.

Was uns immer wieder gesagt wurde: Es gibt keine nationale südsudanesische Idee. Man ist zunächst einmal Dinka oder Nuer oder Murle, man gehört also zu einer dieser Volksgruppen, und dann ist man vielleicht Südsudanese. Es gibt nicht die Vision eines Südsudan. Das wurde 2011, als der Staat gegründet wurde, offensichtlich versäumt. Da war der Jubel so groß über die friedliche Staatsgründung und jetzt wird die Rechnung bezahlt, mit Konflikten zwischen den Stämmen und einem blutigen Krieg.

Der Südsudan ist ölreich. Wer fördert das Öl und warum gelingt es nicht, es zu Nahrung zu machen?

Es wird Öl von der Regierung gefördert. Das Geld fließt in den Staatshaushalt und die Hälfte davon in Militärausgaben. Das haben die Vereinten Nationen heftig kritisiert. Sie meinen auch, dass mehr Geld für die Versorgung der Zivilbevölkerung ausgegeben werden sollte. Aber das scheint im Moment nicht die oberste Priorität der südsudanesischen Regierung zu sein.

Das Interview erschien zuerst am 11. April in der ARD. Es entstand im Anschluss an die Medienreise von Aktion Deutschland Hilft in den Südsudan, an der Volker Schwenck im März teilgenommen hatte.

Hier können Sie das ARD-Video anschauen:

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