Ein Junge mit dringend benötigten Hilfsgütern: Im Jemen hungern tausende Kinder

Faktencheck von Perspective DailyJemen: Probleme und mögliche Lösungen

15-05-2017

von Juliane Metzker, Perspective Daily

Probleme: Was ist los im Jemen?

Stimmt es, dass im Jemen eine Hungersnot herrscht?   

Ja, vier große Hungersnöte haben die Vereinten Nationen für 2017 vorhergesagt, in Somalia, im Südsudan, in Nigeria und im Jemen. Im Vergleich zu Afrika, wo die Humanitäre Hilfe und Notfallreserven teilweise funktionieren, waren selbst die UN nicht auf sieben Millionen Menschen im Jemen vorbereitet, denen jetzt der Hungertod droht.

Vor allem Kinder leiden unter Mangelernährung, Durchfall und Atemwegsinfektionen. Mehr als drei von fünf Jemeniten brauchen humanitäre Hilfe und Schutz – bei 27,4 Millionen Einwohnern sind das momentan 18,8 Millionen.

Warum leiden so viele Menschen an Hunger?

Wer nicht viel hat, muss viel importieren. Über die Golfstaaten und den Seeweg kamen vor dem Krieg 90 Prozent der Grundnahrungsmittel ins Land. Eine Seeblockade durch Saudi-Arabien und die Behinderung von Hilfslieferung durch Kriegsparteien kappte eine wichtige Lebensader der Jemeniten. Außerdem geht den Menschen das Bargeld aus, sodass sie sich kein Essen kaufen können. Viele Löhne werden nicht mehr ausgezahlt, weil die jemenitische Zentralbank kaum noch über Reserven verfügt.

Gibt es internationale Hilfen für den Jemen?

2,1 Milliarden US-Dollar bräuchte es laut der UN-Nothilfekoordination –  gerade einmal acht Prozent davon wurden bis März überwiesen. Die benötigte Summe an Hilfsgeldern wird der Jemen voraussichtlich 2017 wie auch im Vorjahr nicht erhalten.

Wer kämpft da überhaupt?

Das kann hier nur verkürzt dargestellt werden. Der Kampf findet auf mehreren Ebenen statt. Angefangen beim Krieg der saudischen Koalition und der jemenitischen Regierung gegen Milizen, die wiederum vom Iran und den Kräften des ehemaligen Präsidenten Salih unterstützt werden. Dabei greift nicht nur Saudi-Arabien die Milizen im Jemen an. Die schiitischen Milizen zünden auch immer wieder Langstreckenraketen in Richtung der saudischen Hauptstadt Riad. Und bei dem Bürgerkrieg im Land mischen verschiedene bewaffnete Gruppen mit.

Warum ist so wenig über die Lage im Jemen bekannt?

In den internationalen Medien wurde lange Zeit kaum über den Jemenkrieg berichtet. Analysten vermuten, dass dies auch an den geringen Flüchtlingszahlen liegt. Außerdem dürfen nur wenige internationale Journalisten in den Jemen einreisen. Sie kommen meist mit UN-Flügen am Flughafen in Aden an, der unter der Kontrolle der jemenitischen und saudischen Regierung steht. Im Januar hieß es, Saudi-Arabien verweigere Journalisten die Einreise in den Jemen. Es gibt nur wenige ausländische Korrespondenten vor Ort.

Kurzinfo Menschen im Jemen: 18,8 Millionen Menschen sind in Not

 

Lösungen: Was können wir tun?

Können mehr Hilfsgelder geschickt werden?

Theoretisch schon. Das hängt von den Geldgebern, also großen Stiftungen und Regierungen, ab. Die Bundesregierung legt jährlich ein Haushaltsbudget für Humanitäre Hilfe im Ausland fest, das Auswärtige Amt verteilt die Nothilfen. Soll es jetzt mehr für den Jemen ausgeben, müsste es an anderer Stelle kürzen. Es gäbe aber die Chance, einen Nachtragshaushalt zu stellen, also das Budget für Hilfen noch einmal zu erhöhen und 2018 dann zu sparen.

Und woher weiß ich, dass die Hilfsgelder überhaupt im Jemen ankommen?

Internationale Hilfe habe sich zu einer Milliardendollar-Industrie erhoben, behauptet die kontroverse Journalistin Linda Polman. Transparenz und die Möglichkeit, Organisationen zur Rechenschaft zu ziehen, sind unerlässlich. Hierfür gibt es Instrumente: Initiativen wie die "International Aid Transparency" (IATI) bewerten Hilfsorganisationen nach ihrer Transparenz.

Gibt es Wege, den Krieg zu beenden?

Um den Krieg zu beenden, müssten einige Stellschrauben in Position gebracht werden:

  • Mediatoren: Der Oman ist der stille und international unauffällige Vermittler im Nahen Osten. Er unterhält gute Verbindungen zum Iran und der schiitischen Miliz. Er unterstützt seit 2017 aber auch die saudische Allianz im Jemen, um die Sicherheit für das eigene Land zu gewährleisten. Obwohl er nun aktiver in den Jemenkrieg eingreift, gilt er noch als potenzieller Vermittler. Das Vertrauen des Irans und der Milizen könnte er aber bald verlieren, wenn der Krieg andauert.
  • Friedensverhandlungen: Die Milizen (und alle anderen bewaffneten Gruppen) müssten erst ihre Waffen niederlegen, um Verhandlungen beizutreten.
  • Auf Frieden vorbereiten: Gleich einem Mosaik setzt sich die ländliche Bevölkerung des Jemens aus vielen verschiedenen Stämmen zusammen. Um die humanitäre Krise abzuschwächen, sollten die Stämme in der Organisation der Hilfen und Entwicklungsarbeit mehr Verantwortung übernehmen. So würden Stammesmitglieder aktiv an Prozessen der Aussöhnung mitarbeiten.

Haben wir etwas vergessen?

Ja, etwas, was fast immer vergessen wird: die junge Zivilbevölkerung. Vor allem junge Jemeniten hatten 2011 gegen Präsident Salih aufbegehrt, der sich über 30 Jahre an der Macht hielt. Dass damals im Jemen Großdemonstrationen im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings für mehr Demokratie stattfanden, gerät in Vergessenheit.

Jemenitische Aktivisten wie die Friedensnobelpreis-Trägerin Karman Tawwakul werden nicht müde, daran zu erinnern, dass im Jemen nicht nur alles Krieg ist, sondern junge Menschen an die Zukunft glauben. Deshalb ist Bildung und Kommunikation ein wichtiges Instrument, um die jemenitische Jugend zu bestärken.

Der Text erschien zuerst im April 2017 bei Perspective Daily. Das Web-Magazin will mit seinen Artikeln neben Fakten auch Lösungsmöglichkeiten aufzeigen. Die Autorin Juliane Metzker hat uns ihren Artikel zur Verfügung gestellt. Wir haben Auszüge daraus veröffentlicht – den vollständigen Beitrag finden Sie hier.

Wo liegt der Jemen?

Landkarte Jemen  

Die Republik Jemen ist ein Staat in Vorderasien. Er ist etwa anderthalbmal so groß wie Deutschland und grenzt im Norden an Saudi-Arabien, im Osten an Oman, im Süden an den Golf von Aden und das Arabische Meer, im Westen an das Rote Meer. Die Staaten Dschibuti und Eritrea liegen etwa 20 bzw. 30 Kilometer entfernt jenseits des Roten Meeres.

Was geschieht aktuell im Jemen?

Die Situation im Jemen verschärft sich durch den Ausbruch von Cholera, doch unsere Bündnisorganisationen leisten schnellstmöglich Nothilfe vor Ort. Die Menschen im Jemen benötigen dringend Ihre Unterstützung. Helfen Sie mit Ihrer Spende!

Aktion Deutschland Hilft, Bündnis deutscher Hilfsorganisationen,
nimmt Spenden für die Betroffenen im Jemen entgegen unter:

Spenden-Stichwort: Hunger Jemen
IBAN DE62 3702 0500 0000 1020 30, BIC: BFSWDE33XXX
Spenden-Hotline: 0900 55 10 20 30 (Festnetz kostenfrei, mobil höher)
oder online spenden