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AfrikaMarthas Weg: Wie eine 17-Jährige Flüchtling wurde

12-06-2015

Kein normales Leben

Martha sieht aus wie jedes andere 17-jährige Mädchen. Vollbehängt mit Schmuck, sitzt sie am Eingang des Zelts ihrer Familie. Vielleicht ist das ihre Art, ein Stück Normalität zu bewahren. Ihr Leben ist keineswegs normal. Genau genommen war es das nie.

Mutter Mariama


Als eine der wenigen Christinnen in ihrem Dorf Damasak im Norden Nigerias hatte sie nicht viele Freunde. Sie stand oft abseits des sozialen Lebens, nachdem ihre Familie aus Adamaoua, ihrer Heimatstadt in Nigeria, weggezogen war. Das schien ihr nicht viel auszumachen, denn sie fühlte sich immer sehr eng mit ihrer Mutter verbunden. Ob es darum ging, zur Kirche zu gehen oder Fettkringel zu backen, die verkauft werden konnten - sie hatte die eine Freundin, die sie brauchte: ihre Mutter Mariama. Das Leben war normal, und Martha fand es in Ordnung.

Als plötzlich Schüsse fielen

Ihr Vater James, ein Metzger, verdiente genug, dass die Familie gut über die Runden kam. Martha ging zur Schule, sie mag Computer. Nach der Grundschule wollte sie unbedingt weitermachen, ihren Schulabschluss schaffen und dann ihren Traum Wirklichkeit werden lassen: Computerwissenschaften zu studieren.
Doch all das brach zusammen, als in ihrem Dorf plötzlich Schüsse fielen.

Von jetzt auf gleich von der Familie getrennt

Im Chaos eines Überfalls rannte sie um ihr Leben. Getrennt von Vater, Geschwistern und ihrer Mutter, floh sie gemeinsam mit Nachbarn. Es kam ihr surreal vor, sie hatte noch nicht begriffen, wie schlimm die Lage war. „Ich lachte erstmal, als ich das Ballern hörte“, gesteht sie. „Erst als wir den Fluss überquert hatten, wurde mir klar, was passierte. In diesem Augenblick weinte ich und begann, meine Familie zu suchen“.

Martha kann nicht schwimmen, ein Mann hatte ihr über den Fluss geholfen. Sie war verzweifelt, suchte panisch nach ihrer Familie, konnte ihre Tränen nicht halten. Soldaten der nigerianischen Armee gaben ihr zu essen und zu trinken und zeigten ihr den Weg nach Gagamari, einer Stadt im angrenzenden Niger, wo sich all Jene versammelten, die sich vor der Gewalt in Sicherheit bringen wollten.

Allein und ängstlich

73 Kilometer lief Martha zu Fuß nach Gagamari. Sie wusste nicht, ob sie ihre Familie jemals wiedersehen würde. Sie war allein, hatte Angst. Als sie ankam, schloss sie sich anderen Flüchtlingen im dortigen Camp an, in dem mittlerweile mehr als 16.000 Menschen provisorisch leben und suchte nach ihrer Familie. Tage nicht enden wollender Unsicherheit verstrichen, bis sie ihre Familie endlich fand. Aber etwas stimmte nicht: Ihre zwei kleinen Brüder waren nicht da. Sie waren ebenfalls im Chaos von der Familie getrennt worden. Das war im November 2014. Martha hofft bis heute, dass sie ihre Geschwister eines Tages wiedersieht.

Tag für Tag ein Kampf ums Überleben

“Nach drei Monaten hier im Camp bekam Martha schwere Alpträume. Sie zitterte am ganzen Körper und krallte sich an allem und jedem fest“, berichtet ihre Mutter Mariama, und ihr Gesicht zeugt von schlimmen Erinnerungen, wenn sie darüber spricht. „Am Anfang dachte ich, sie sei besessen, weil sie sich so verhielt. Ich habe ihr die Hände aufgelegt und für sie gebetet, damit sie sich wieder beruhigt“.

Trotzdem muss das Leben für Martha und ihre Familie weitergehen. Die Tage sind stumpf und schwierig, Tag für Tag ein Kampf ums Überleben. Die Situation wurde etwas besser, als sie Eimer, Matten, Insektennetze und anderes Hilfsgüter von World Vision erhielten. Für einige ihrer Grundbedürfnisse, etwa das Lagern von Wasser, eine Schlafgelegenheit, kann die Familie nicht selbst sorgen. Auch Essen zu finden, ist eine tägliche Herausforderung.

Der Wunsch nach Normalität

Ein halbes Jahr nach der Ankunft in Gagamari gibt es nur eine Sache, die Martha will: “Dass alles wieder normal wird. Ich will zurück nach Hause. Ich vermisse meine Brüder, meine Kirche, meine Schulklasse und dass ich mit meiner Mutter Fettkringel backe. Hier gibt es nichts zu tun. Wir sitzen nur rum und können nichts machen. Wir können nicht mal zur Schule. Ich will nach Hause.“

Die verzweifelte, tagtägliche Suche nach Wasser, Essen, einer sinnvollen Beschäftigung: Martha und jedes andere Kind in dem Flüchtlingscamp können ihr Leben nicht in seiner Fülle leben. Sie haben keine Schulen, keine sicheren Wasserzapfstellen, keinen direkten Zugang zu Gesundheitseinrichtungen. Sie fühlen sich nicht sicher. Sie leben in der dauerhaften Angst vor dem Unbekannten, vor dem, was die Zukunft noch alles bringen könnte.
Kein Kind sollte so leben müssen.

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