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AfrikaOst-Kongo: Frühe Vögel auf Zählungsmission

04-07-2012

Es ist halb vier in der Früh und die ostkongolesische Stadt Goma schläft. Die ganze Stadt? Nein! Ein Team von 50 Leuten, CARE-Mitarbeiter und Partnerorganisationen, ist hellwach und auf dem Weg zu einem Treffpunkt. An diesem frühen Morgen haben sich sieben Hilfsorganisationen und vier UN-Agenturen zusammengetan, um gemeinsam eine Zählung der Menschen in den spontan entstandenen Camps rund um Goma durchzuführen.

Was passiert vor dem bekannten Foto der Hilfsgüterverteilung?

Wenn wir Bilder und Informationen über Nothilfe bekommen, ist schnell klar, worum es geht: Hilfsgüter werden an Menschen verteilt, die durch Naturkatastrophen oder Konflikte alles verloren haben. Aber vor dieser Verteilung steht eine ganze Kette von Datenerfassung, logistischer Vorbereitung und Koordination, über die man selten etwas hört. Aber ohne sie kann Nothilfe nicht funktionieren. Was passiert also eigentlich genau vor dem Foto, das die Übergabe eines CARE-Paketes an eine geflohene Familie zeigt?

Zurück nach Goma: Hier befinde ich mich seit zehn Tagen, und hier sind seit mehreren Monaten über 150.000 Menschen vor bewaffneten Konflikten und Gewalt geflohen. Sie haben in spontanen Camps, Schulgebäuden oder an anderen Plätzen Obdach gesucht. Und sie benötigen Nahrung, Wasser und andere Hilfsgüter zum Überleben. Aber wie kann man ihre Zahl erfassen? Und wie können CARE und andere Hilfsorganisationen sicherstellen, dass alle Menschen erreicht werden und niemand doppelt Hilfe bekommt, während jemand anderes leer ausgeht? Wie finden wir heraus, wo besondere Hilfe nötig ist – etwa für stillende Mütter oder Waisenkinder?

Schnell, sicher und effizient: So muss CARE planen

Die Nacht war kurz, viele Kollegen mussten um 2 Uhr aufstehen. Es bedarf einiger logistischer und Sicherheitsplanungen, um das ganze Team in den unterschiedlichen Stadtvierteln von Goma abzuholen. Am gemeinsamen Treffpunkt erklären die Teamleiter unsere Aufgabe: CARE wird für einen Teil des Lagers Mugunga I verantwortlich sein, wo sich geschätzte 12.400 Familien hin geflüchtet haben. Jede Mitarbeiter erhält 120 gelbe Coupons und eine Dose mit Farbspray. Die Teams gehen von Tür zu Tür und finden heraus, welche Unterkünfte bewohnt sind. Denn viele Familien ziehen weiter und neue kommen, die Lage hier ändert sich schnell.

Das Familienoberhaupt – wenn möglich, eine Frau, denn aus Erfahrung sind sie es, die ihre Familie in solchen Krisen zuverlässig versorgen – bekommt dann einen gelben Papiercoupon, um sich am nahegelegenen Registriertisch zu melden. Dort werden dann alle Daten erfasst: Wie viele Kinder leben in der Unterkunft, gibt es chronisch kranke Familienmitglieder oder schwangere Frauen? In unserer Nothilfe-Sprache nennt sich das „Vulnerability-Analyse“.

Die Zählmethode: gleichzeitig, früh und ohne Ankündigung

Helfer unterhält sich mit Kind

Wir erreichen das Camp und es wird schnell sehr geschäftig. Schwierig, hier den Überblick zu behalten, denn es gibt nur matschige Pfade, ein paar Steinmauern und ansonsten einen Wildwuchs an Hütten aus Plastikplanen, Holzstöcken und anderen provisorischen Unterkünften. Viele Familien sind von unserem Besuch natürlich überrascht. Aber es ist wichtig, diese Zählung gleichzeitig, früh und ohne Ankündigung zu machen: Gleichzeitig, damit sich Bewohner nicht von einem zum anderen Camp bewegen. Früh, um die Familien abzupassen, bevor sie ihren Tag beginnen und etwa Wasser holen. Und ohne Ankündigung, um zu vermeiden, dass andere Menschen, die keine Flüchtlinge sind, dazukommen.

”In einer solchen Krise ist diese Art von Zählung die einzig mögliche Methode, um zuverlässige Zahlen zu bekommen”, erklärt CARE-Nothilfekoordinator Sebastien Kuster. “Es wird nie eine perfekte Methode geben, aber wir haben wirklich alle Eventualitäten berücksichtigt.” Nach der Couponübergabe nutzen die CARE-Teams dann die Spray-Dose, um die Unterkunft zu markieren. Somit stellen wir sicher, dass niemand zweimal gezählt wird.

Würde, Bescheidenheit, Respekt – auch wenn es schnell gehen muss!

Währenddessen sind die Sicherheitsexperten der beteiligten Organisationen in ständigem Funkkontakt und beobachten die Lage. Denn natürlich ist die Situation angespannt, die Menschen erwarten die Hilfe sehnlichst und Gerüchte kursieren schnell. Die CARE-Mitarbeiter haben ein ausführliches Briefing bekommen, wie sie mit den Bewohnern von Mugunga sprechen sollen. Die Werte unserer Organisation – Würde, Bescheidenheit und Respekt –werden an diesem Tag auf die Probe gestellt und ich bin stolz zu sehen, wie professionell sich das CARE-Team bei dieser schwierigen Aufgabe verhält. “Wir wurden überwiegend sehr freundlich begrüßt und es war berührend zu sehen, wie geduldig diese Familien in diesen furchtbaren Umständen sind und wie dankbar für unsere Hilfe”, berichtet CARE-Mitarbeiter Joseph. Einige CARE-Kollegen arbeiten dann noch für mehrere Stunden an einem Beschwerdetisch. Auch der ist wichtig: Wer nicht in seiner Unterkunft war oder aus anderen Gründen keinen Coupon bekommen hat, kann seine Lage hier schildern und der Fall wird geprüft.

Um 11 Uhr ist die Arbeit getan. Insgesamt hat CARE an diesem Morgen knapp 3.800 Haushalte zählen können, das sind geschätzt über 16.000 Menschen. Die genauen Zahlen werden nun elektronisch erfasst und ausgewertet, dann kann zügig die Verteilung der Hilfsgüter beginnen. CARE wird zunächst 8.000 Plastikplanen verteilen, Partnerorganisationen kümmern sich um andere Hilfsgüter.

Am nächsten Morgen sind alle CARE-Kollegen wieder im Büro und arbeiten wie gewohnt daran, dass unsere Programme gut laufen. Wir Frühaufsteher haben alle noch müde Augen und schwere Füße. Aber die Aufgabe ist erledigt und das zählt!

Quelle: Sabine Wilke von CARE Deutschland-Luxemburg e.V.

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