550-kongo-reportage

AfrikaMöglichkeiten und Grenzen der humanitären Hilfe in der Demokratischen Republik Kongo

14-04-2014

Goma liegt gleich neben dem ruandischen Gisenyi. Um zur Grenze zu kommen, fährt man auf einer Uferstraße entlang, vorbei an Palmen, Villen und einem traumhaften Blick auf den Lake Kivu. Die Ruander ziehen den Reisepass durch einen Scanner, ein Stempel und dann darf man das Land verlassen. 30 Meter weiter ist man auf der kongolesischen Seite. Eine Grenzbutze, ein paar wackelige Plastikstühle, keine Glühbirne. Ein Uniformierter stellt einem Fragen, schaut den Reisepass durch, ob das Visum, die Akkreditierung aktuell sind und trägt alles ordentlich in ein großes Buch ein. “Welcome to the Congo”, lächelt er und gibt mir meinen Pass zurück.

Ich gehe die Straße einfach weiter. Es ist anders auf dieser Seite des Schlagbaums, als hinter mir in Ruanda. Die Straße löchrig, alles wirkt runter gekommener, auch wenn hier unten am See die Reichen und Wohlhabenden leben, die guten Hotels der Stadt sind.

Aude Rigot

Ich treffe Aude Rigot von CARE International. Eine Französin, Mitte 30, hochschwanger. Sie ist nur noch wenige Wochen hier, zur Entbindung will sie nach Frankreich, danach wird sie in den Senegal versetzt. Aude Rigot hat mich gefragt, ob ich mit ihr in zwei Flüchtlingslager vor der nördlichen Stadtgrenze Gomas fahren möchte. So würde ich gleich einen Eindruck bekommen.

Mugunga 1 ist ein Lager mit derzeit rund 40.000 Flüchtlingen, die in selbstgebauten, zeltähnlichen Behausungen leben. Aus Ästen, Blättern und Stroh wurden sie gefertigt, darüber wurde eine Plane gelegt. Aufrecht stehen kann man darin nicht, viel Platz ist auch nicht und ich frage mich, wie eine ganze Familie darin unterkommt. CARE hat ein Treffen mit dem Lagerpräsidenten vereinbart. Ein älterer, untersetzter Mann, der etwas verloren wirkt in einem zu großen Anzug. In einer der wenigen Holzhütten hat er ein Büro. Er war schon einmal hier im Lager, sagt er. Das war vor acht Jahren, damals wurde er aus seiner Heimatgemeinde vertrieben. Nun ist er wieder hier, wieder vertrieben worden, schon seit rund einem Jahr lebt er im Lager Mugunga 1. Der Krieg im Osten des Kongos will kein Ende nehmen. Er berichtet von Diebstählen im Lager, die Planen würden geklaut werden und seien auch brüchiger als andere. Ob man da vielleicht etwas machen könne? Aude Rigot notiert es sich und meint, sie kümmere sich darum.

Unterhaltung zwischen zwei Frauen.

Zwei junge Frauen sprechen über die Gewalt im Lager, über Vergewaltigungen, die hier jeden Tag passieren. Es ist klar, sie haben die Gewalt selbst erlebt. Man versuche sich zu organisieren, sagen sie, sich selbst zu schützen, denn weder Polizei noch Armee bieten Hilfe. Zum Teil sind sie selbst die Täter.

Auf dem Weg durchs Lager werden wir von Kindern umringt. Frauen kommen und streicheln Aude Rigot über den Bauch, fasziniert davon, dass eine Weiße schwanger ist. Die CARE-Mitarbeiterin lacht mit ihnen und erklärt, so komme sie immer wieder ganz einfach ins Gespräch mit den Frauen im Lager. Auf meine Frage, ob sie sich denn keine Sorgen wegen der Schwangerschaft mache, meint sie nur: „Ach was, mein erstes Kind habe ich während der Wahlunruhen in Burundi bekommen. Das ist hier doch nichts.” Sowieso lacht Aude Rigot viel, eine lebensfrohe Frau, die sich auf die kleine Welt konzentriert, die sie hier verändern kann. Ganz direkt und ganz konkret. Das große Bild, das Chaos im Kongo, will sie nicht sehen, sich darüber keinen Kopf machen. Wie die meisten hier, die in Goma leben.

Das Flüchtlingslager Mugunga.

Arne Schaudinn arbeitet seit zwei Jahren für die Johanniter in Goma. Der Bündnispartner arbeitet im medizinischen Bereich, betreut Gesundheitsstationen und Apotheken in den Flüchtlingslagern und in der Region. Darüber hinaus werden Holzlatrinen mit Duschkabinen gebaut, heißt: Plumpsklo und ein betonierter Bereich, in dem man eine Dusche mit einem Eimer Wasser haben kann, das man selbst heran schleppen muss. Arne Schaudinn ist 33 Jahre alt, kommt aus Augsburg und war in Deutschland neben seinem Geographiestudium im Rettungsdienst tätig. Auch er konzentriert sich nur auf die tägliche Arbeit. Die kleinen Erfolge, die positiven Rückmeldungen aus den Lagern geben ihm die Motivation. Das große Bild will auch er nicht sehen, denn sonst „würde man die Hoffnung verlieren”, gesteht er.

Über eine Stunde dauert die Fahrt mit dem Geländewagen für die zehn Kilometer vom Sitz der Johanniter in Goma ins Flüchtlingslager Mugunga 3. Hier leben mehr als 50.000 Menschen in Reihe um Reihe dieser kleinen, selbstgebauten Unterkünfte. Mit Planen abgedeckt, ein Schutz vor Regen und Wind. Und überall herumwuselnde Kinder, die manchmal nur in Lumpen stecken. Fünfjährige tragen ihre kleinen Geschwister auf dem Arm.
Wir gehen von der Apotheke zum Gesundheitszentrum. Derzeit ist es noch aus Zeltplanen gefertigt, doch ein fester Holzbau ist in Planung.

Arne Schaudinn führt mich hinein, zeigt mir den Geburtsstuhl. Daneben sind drei Betten mit zwei Matratzen, in den drei Frauen liegen, die am Tag zuvor entbunden haben. Eine der Matratzen wurde vor kurzem geklaut, nachdem es wieder mal zu Schießereien kam. Alle flohen. Als man zurück kam, fehlte eine der Unterlagen. „Ein großes Problem bei dieser Gesundheitsstation ist, dass wir keine Energieversorgung haben. Dementsprechend muss nachts im Dunklen gearbeitet werden. Wir wollen sie mit Solar ausstatten, damit man weg kommt von diesen ständigen Funktionskosten mit Petroleumlampen.”

Arne Schaudinn läuft durch das Lager, schaut sich die Latrinenblöcke an, erklärt deren Unterschied, zu den aus Planen errichteten einer anderen hier tätigen Organisation. Die Johanniter bauen im Camp Latrinen aus Holz, der Boden ist betoniert. Die Türen verschließbar, denn auch im Lager komme es zu sexuellen Übergriffen. Weil hier mit dem festen und meterdicken Lava-Gestein nicht einfach eine Grube gegraben werden kann, haben die Johanniter nach oben gebaut. Die Toiletten sind erhöht, damit man eine Senkgrube von fast zweieinhalb Metern bekommen konnte. Man beachtet internationale Standards und Richtlinien.

All die Arbeit, all der Einsatz der Helfer ist wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Weit über 100.000 Flüchtlinge leben in den Camps vor Goma. Es ist kein kurz- und kein mittelfristiger Zustand, auch wenn das Politiker und Geldgeber in der UN-Bürokratie und den Geberländern gerne erklären. Die Flüchtlingssituation ist im Kriegsgebiet des Ostkongos zum Dauerzustand geworden. „Man stumpft brutal ab”, meint der 33-jährige Augsburger. „Ich zwinge mich weiterhin die Augen offen zu halten und das auch zu sehen, auch wenn mir oft nach Wegschauen zumute ist. Oft schaue ich weg, um mich selbst zu schützen. Das führt sonst zu einer innerlichen Zerrissenheit.” Man merkt es ihm in seiner Arbeit nicht an. „Es ist mein Beruf, ich mache den Beruf gerne. Es ist für mich ein Beruf mit Sinnhaftigkeit. Wenn ich durch so ein Flüchtlingscamp gehe, und die Aktivitäten unserer Projekte beobachte, dann sehe ich, dass was ankommt. Das gibt mir viel Kraft, das gibt mir die Energie weiterzumachen. Und wenn du es nicht schaffst, das Elend persönlich auszublenden, dann machst du den Job nicht lange. Ich glaube, das zu können, ist die Voraussetzung den Job überhaupt machen zu können.”

Als Besucher in Goma erlebt man die Stadt mit anderen, mit eigenen Augen. Hier läuft kein Weißer auf der Straße, man fällt sofort auf. Der Kongo ist ein Land von der Größe Westeuropas. Ohne Infrastruktur. Die Region Nord-Kivu zählt aufgrund der gewaltigen Bodenschätze zu den reichsten des Kontinents, doch das Elend, die Armut, die Not ist allgegenwärtig. Viel Geld wird gemacht, aber unter Ausschluss der Bevölkerung. Flüchtlinge, Krieg, Gewalt. Gibt es da Hoffnung? Der Johanniter-Helfer denkt kurz nach: „Es bestürzt mich jeden Tag, wenn ich die Kinder auf der Straße sehe, in welcher Armut die leben. Am meisten entsetzt mich der Anblick von Kindern, drei Jahre alt, fünf Jahre alt, die mit schweren Wasserkanistern vom Seeufer rauf in die Stadt gehen. Das sind 20-Liter-Kanister und die Kinder tragen die auf dem Kopf. Und das tagein, tagaus. Wo bleibt da die Kindheit? Wie ist da Bildung möglich? Wie ist da die Entwicklung, die ein Kind braucht, überhaupt möglich? Also das erschüttert mich eigentlich am meisten. Ich weiß nicht, wo deren Zukunft liegt.”

Text: Arndt Peltner

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