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AfrikaKenia: Ismails Traum

18-06-2014

Armut, Flucht, Hunger und Perspektivlosigkeit

In Dadaab, dem größten Flüchtlingscamp der Welt, setzt sich CARE für die Schulbildung von rund 500 Kindern und Jugendlichen ein, unter ihnen befinden sich auch Menschen mit Behinderung, die besondere Aufmerksamkeit benötigen.

Kinder, schwangere Frauen, chronisch kranke Menschen – diese Gruppen werden von Kriegen und Katastrophen immer am schwersten getroffen, können sich selbst am wenigsten helfen und brauchen deshalb besondere Unterstützung.

Wer im Flüchtlingscamp Dadaab im Nordosten Kenias, 80 Kilometer von der somalischen Grenze entfernt Kind ist, der hat vom Leben die schlimmsten Seiten mitbekommen: Armut, Flucht, Hunger, Perspektivlosigkeit. Auf dem Schulhof rennen sie herum, Jungen und Mädchen in Plastiksandalen, die Kleider alt und vom Wüstenstaub aufgeraut, die Stimmen laut und durcheinander. Aber was ist mit denen, die nicht laufen können? Nicht sehen oder hören, diejenigen, die schon in unseren Ländern als „behindert“ eingestuft werden?

Man kann auch ohne Sehkraft seinen Weg gehen

Und doch sitzen sie hier, in diesen beiden Klassenräumen. Ein geistig behinderter Junge Anfang 20, sieben Jungen und Mädchen mit Sehbehinderungen, die meisten von ihnen beinahe völlig blind. Ein autistischer Teenager. Ein geistig behinderter junger Mann.

CARE ist für sieben Schulen im Dagahaley Camp in Dadaab verantwortlich und betreibt in zweien auch Klassen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen. Die meisten der insgesamt 494 Jungen und Mädchen gehen in die allgemeinen Schulklassen und lernen dort. Aber für diejenigen, die dem Unterricht nicht folgen können, gibt es Räume und Lehrinhalte, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind – soweit es eben in Dadaab möglich ist. Die engagierten Lehrer tun ihr Bestes, jedem Kind gerecht zu werden.

Samuel Odawo ist 34 Jahre alt und arbeitet seit dem Sommer 2013 in Dadaab. Der Kenianer ist selbst seit seiner Geburt blind und hatte das Glück, eine Schulausbildung zu erhalten. „Diese Chance möchte ich jetzt auch den Kindern hier geben. Obwohl meine Verlobte natürlich nicht erfreut darüber war, dass ich hunderte Kilometer entfernt von ihr in einem Flüchtlingslager arbeiten würde. Wir wollten nämlich heiraten.“ Samuel lacht und erzählt dann wieder ernst, dass es eine große Herausforderung ist, die Kinder hier überhaupt in die Schule zu bekommen. „Die meisten Kinder mit Behinderungen werden von ihren Familien versteckt, aus Scham. Wir gehen also von Tür zu Tür und ermutigen die Eltern, auch ihre körperlich oder geistig beeinträchtigten Kinder in die Schule zu schicken. Manchmal haben wir Erfolg, dann wieder kommen Kinder nur einige Male und verschwinden wieder.“ Samuel selbst ist ein Vorbild dafür, dass man auch ohne Sehkraft seinen Weg gehen kann.

"Ich mag die Schule"

Zur Pause kommt Ismail vorbei, er ist elf Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Ismail geht seit einiger Zeit in die reguläre Klasse, er kann mit dem Lernpensum gut mithalten. Der kleine Junge grinst von einem Ohr zum anderen, als man ihm Fragen stellt. „Ich mag die Schule“, sagt Ismail. Was er nicht mag, ist der Spießrutenlauf zum Schulgebäude. „Viele ärgern mich, manche werfen sogar Steine.“ Ismail wird von seiner 15jährigen Schwester im Rollstuhl in die Schule geschoben, auf dem Gelände selbst hilft ihm dann ein anderer Ismail: Sein bester Freund. Er weicht nicht von seiner Seite. Ismail ist seit 2006 in Dadaab, damals musste seine Familie zehn Tage zu Fuß gehen, weil das Auto steckenblieb im Niemandsland zwischen Somalia und Dadaab. Ismail wurde getragen, er ist seit frühen Jahren gelähmt. Eine Polio-Impfung hätte ihn gerettet, aber wo bekommt man die schon?

„Meine Lieblingsfächer sind Englisch und Mathe“, sagt der Junge, aus dessen Augen der Schalk und Lebensmut blitzen. Nur die Schwelle an der Tür zum Klassenraum bereitet ihm noch Probleme, aber dafür sind schließlich Freunde da. Und was möchte er machen, wenn er groß ist? Darf man so eine Frage überhaupt stellen, hier im Flüchtlingslager, wo es für einen kleinen Jungen im Rollstuhl doch so offensichtlich kaum eine Chance gibt? „Ich möchte ein Beamter werden mit einem großen Büro.“ Und schon wieder dieses breite Grinsen. Dann schiebt der andere Ismail seinen Freund auf den Schulhof, es gesellen sich andere Jungs dazu, blitzschnell stürzen sie sich ins Getümmel zu den anderen Kindern. Kein Zweifel, der Traum vom großen Büro ist noch weit. Aber es gibt ihn, und das ist für Ismail das Wichtigste.

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