Die Hilfsorganisationen in den Nachbarländern von Syrien sorgt dafür, dass Kinder wieder zur Schule gehen können.

Geschichtenwettbewerb 2016Geschichtenwettbewerb: Gewinner Kurzgeschichte Jugendliche | Hannah Koch

21-07-2016

Wie beschreibt man Freundschaft, wenn man sie noch nie erlebt hat? Dieser außergewöhnlichen Sichtweise auf unser Wettbewerbsthema hat sich Hanna Koch in ganz besonderer Weise angenommen. „Ihre Kurzgeschichte ‚Zerplatzte Seifenblasen – Wenn Dein Leben zur Wirklichkeit wird‘ hat uns sehr bewegt. Hannah Koch verfügt trotz ihres so jungen Alters von zwölf Jahren über einen außergewöhnlich ausgereiften Sprachstil“, erklärt Manuela Roßbach, Jury-Mitglied und Geschäftsführerin von Aktion Deutschland Hilft.

Hannah Koch: Zerplatzte Seifenblasen – Wenn Dein Leben zur Wirklichkeit wird

Zufrieden steckte ich es in meine Schultasche. Dass ich die Hausaufgabe hatte, konnte doch nur ein guter Start in den Tag sein. Draußen schien auch noch die Sonne und ich war ungewohnt gut gelaunt. Auf die letzte Minute huschte ich in den Klassenraum und setzte mich auf meinen Platz. In der Klasse herrschte ein einziges Chaos. Vor mir hockten Ella und Mario und hielten Händchen. Ab und zu gaben sie kritische (um nicht zu sagen unmöglich gemeine) Bemerkungen zu Linas neuer Hose ab. Ich war froh, dass ich heute mal nicht die war, die kritisch beäugt wurde und über deren Kleidung gelästert wurde. Meistens war ich nämlich Ellas Opfer.

Das hätte ich vielleicht nicht zu früh und zu zufrieden denken sollen, denn genau in dem Moment drehte sich Ella (wenn man vom Teufel spricht) zu mir um und zeigte angeekelt auf meine Bluse. Toll. Da war gerade heute, an meinem Tag, ein ziemlich großer Klecks Tomatensoße, auf meiner violetten Lieblingsbluse. Und Mario? Der grinste mal wieder dumm vor sich hin. Zum Glück kam Herr Tonn gerade in die Klasse marschiert und die beiden setzten sich schnell brav hin. Aber egal, heute konnte mich sowieso nichts mehr aufhalten.

Gemächlich stellte der Lehrer seine altmodische Ledertasche auf den Tisch, holte seine Unterlagen heraus und stellte sich vor die Klasse. Wir standen zur Begrüßung auf, dann begannen alle in ihren Rucksäcken und Taschen zu kramen und kurz darauf lagen auf jedem Tisch ein Schreibheft, ein Mäppchen und das Deutschbuch. „Luna hat die Hausaufgaben nicht“, begann Herr Tonn routinemäßig ins Klassenbuch einzutragen. Ich räusperte mich. „Doch." Erstaunt sah er mich an und kam dann zu mir, um sich von meiner Hausaufgabe zu überzeugen. „Okay“, sagte er mehr zu sich selbst als zur Klasse.

Am liebsten hätte ich jetzt ein „Peinlich, nicht?“ gezwitschert, aber das ließ ich dann doch lieber bleiben. Die ganze Klasse starrte mich an und ich grinste mit erhobenem Kinn vor mich hin. „Na gut, dann lies mal vor!“, forderte der Lehrer, als er sich wieder gefasst hatte. Jetzt doch verlegen, biss ich mir auf der Unterlippe herum. „Muss das denn sein?“, fragte ich vorsichtig. Er verschränkte die Arme vor der Brust und nickte. „Damit dich die Anderen besser verstehen können komm doch am besten gleich vor.“ Ich zögerte. „Na los!“, abwartend zeigte er mit dem Finger neben sich. Vielleicht, mag sein, dass mein Aufsatz nicht so schlecht sein mochte, keine Ahnung, aber noch lange kein Grund ihn vorne, vor der Tafel vor der ganzen Klasse vorzulesen. Das wollte ich nun wirklich nicht. Ich hatte keinen Bock, mir den Tag verderben zu lassen, weil meine ganze Klasse über mich lachte. Dabei hatte der Tag doch so gut an gefangen.

Immer noch hielt Herr Tonn seinen Finger in die Luft und sah mich abwartend an. Besser gesagt sah die komplette Klasse mich abwartend an. Spöttisch grinste Ella mich an. „Wetten, du hast es eh nicht gemacht und drückst dich jetzt davor?“, flüsterte sie zu mir. „Gar nicht wahr!“, erwiderte ich. „Beweise“, sagte sie und grinste noch spöttischer. Okay, der würde ich es jetzt aber beweisen! Entschlossen straffte ich meine Schultern und ging nach vorne. Auch wenn ich stur nach vorne schaute, spürte ich die Blicke meiner Mitschüler in meinem Rücken. Unangenehm. Ich hasste es im Mittelpunkt zu stehen.

Ein letzter Blick zu den anderen, dann fasste ich all meinen Mut und begann stockend zu lesen. Meine Stimme wurde immer sicherer und ich vergaß, dass über zwanzig Leute mich anstarrten.

„Ich soll einen Aufsatz über Freundschaft schreiben. Okay, dann erzähle ich euch jetzt mal was und ich hoffe, ihr hört mir zu. Also wirklich sagen, was Freundschaft ist, kann ich euch nicht, da ich noch nie eine Freundin hatte. Jetzt denkt ihr euch vielleicht: Dein Ernst? Ja, mein Ernst. Und das nur weil ich keine Zeit habe, da ich täglich stundenlang Gläser waschen muss und den Gestank von Bier und Zigaretten überstehen muss. Und weil niemand mit mir befreundet sein mag, weil ich nicht in einer majestätischen Villa mit Pool wohne und keine Markenklamotten trage. Aber so ist das Leben. Ich muss das wohl akzeptieren. Obwohl ich es nicht akzeptieren kann. Warum kann nicht jede arme Gans das sein, was alle anderen auch sind. Nicht dazugehören, nicht lachen dürfen? Ich glaube, niemand kann diese Frage sinnvoll beantworten. Ich auch nicht. Freundschaft stelle ich mir wie in den ganzen Büchern vor. Dass man zusammen Pferde stiehlt und durch dick und dünn geht. Dass man lachen muss, wenn man sich nur ansieht und dass der andere immer für dich da ist. Das wäre Freundschaft für mich.“

Ich schluckte und machte eine Pause, bevor ich „Das war´s“ hinzufügte. Ich atmete tief ein und aus. Unsicher sah ich mich in der Klasse um. Niemand sagte etwas. Alle saßen da und starrten in die Luft. Herr Tonn sah sehr . . . gerührt(?) aus. Er räusperte sich. „Danke Luna, das war sehr … schön. Du hast deine Aufgabe perfekt gemeistert.“ Perfekt? Hatte er da gerade perfekt gesagt?



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