Im Nordirak sind viele Kinder unter den Flüchtlingen. Die Hilfsorganisationen errichten Orte für Kinder, an welchen sie spielen und ihre Sorgen vergessen können.

Geschichtenwettbewerb 2016Geschichtenwettbewerb: Gewinner Kurzgeschichte Erwachsene | Ulli Krebs

21-07-2016

Mit der Integration eines Flüchtlingsjungen hat Ulli Krebs ein brandaktuelles Thema gewählt. Ihre Kurzgeschichte „Verrückter Wettkampf“ beschreibt die Situation des kleinen Tarek, der mit seiner Familie vor dem Krieg aus Syrien geflohen ist und nun in Deutschland an einem Sportturnier teilnimmt. „Es war eine große Freude, die Kurzgeschichte von Frau Brandt zu lesen. Sie ist in sich stimmig und die vielen Dialoge machen den Beitrag zudem sehr lebhaft“, erklärt Volker Groß, Jury-Mitglied und Moderator bei Radio Bonn/Rhein-Sieg.

Ulli Krebs: Verrückter Wettkampf


Tarek mag gar nicht an das Ferienende denken. Diktate, Aufsätze, Berge von Hausaufgaben. Die Gedanken daran machen ihn fast krank. Schnell vertreibt er die Gedanken an die Schule wie eine lästige Fliege aus seinem Kopf. Er will sich lieber auf seinen letzten Tag im Feriencamp freuen. Einen verrückten Wettkampf soll es heute geben. Die Gewinner erwarten tolle Preise, haben die Betreuer erzählt. Einen Lenkdrachen, Tischtennisschläger, eine Sporttasche. Logisch, dass Tarek aufgeregt ist und unbedingt gewinnen will. Aber die anderen Kinder wollen das auch. Und die meisten Jungen und Mädchen sind älter und größer als er. Und leider auch viel sportlicher. Egal, heute will Tarek einfach alles geben.

„Hallo Tarek“, begrüßt ihn einer der Betreuer.
„Alles klar?“
Der Achtjährige nickt und antwortet:
„Aber sicher!“
„Der Tarek kommt doch nie vom Fleck. Bis der endlich startet, ist der Ball längst weg“, ruft Samuel, der mit einem Basketball über den Sportplatz dribbelt.

Einige Kinder lachen. Der Betreuer wirft dem Zehnjährigen einen warnenden Blick zu. Dann erklärt er die Regeln des Wettkampfs. Fünf Stationen sind zu bewältigen: Kurzstrecken- und Hürdenlauf, Seil- und Weitsprung, Dosenwerfen.

Damit die Wartezeiten nicht zu lang werden, teilt der Betreuer die Kinder auf die verschiedenen Stationen auf. Tarek, Samuel, Anna und Lena müssen zuerst zu den Springseilen. Aber was ist das? Tarek glaubt sich verhört zu haben. Sie sollen tatsächlich eine Minute lang auf nur einem Bein Seilchen springen? Oh je, denkt er, das ist ja gar nicht mein Ding. Nachdem die Stoppuhr gedrückt ist, hüpfen die Mädchen sofort wie Gummibälle um die Wette. Tarek dagegen kommt ständig aus dem Takt. Immer wieder verheddert er sich in dem Seil wie ein Fisch im Netz. Ganze fünf Sprünge schafft er.

„Eine Glanzleistung war das aber nicht“, meint eine der Betreuerinnen lachend, als sie sein Ergebnis in eine Liste einträgt.
„Kein Wunder“, antwortet Tarek. „Seilspringen ist nix für Jungs.“
„Hallo?“, entgegnet Samuel. „Ich hab doppelt so viele Sprünge wie du geschafft. Ich sag es doch. Der Tarek, der kommt nie vom Fleck.“

Tarek schweigt. Er hofft auf den Weitsprung. Der liegt ihm schon eher. Aber weil heute der verrückte Fünfkampf angesagt ist, müssen die Kinder rückwärts springen. Alle müssen laut losprusten, weil sie wie Mehlsäcke in die Sandgrube plumpsen. Auch an der nächsten Station, an der sie mit verbundenen Augen eine Wand aus Blechdosen umwerfen sollen, lachen sie. Der Einzige, der einige Dosen trifft, ist Samuel.

„Knapp vorbei ist auch daneben“, sagt Lena, als Anna ihr Ziel verfehlt.
„Genau wie bei mir.“
„Typisch Mädchen!“, lästert Samuel.
„Ihr müsst euch mehr anstrengen. Dann ist das babyleicht.“

Anna verdreht die Augen. Lena und Tarek grinsen. Die Drei sind sich einig: Samuel ist einfach ein saublöder Angeber. Am besten, man behandelt ihn wie Luft. Beim Kurzstreckenlauf dürfen sich die Kinder nur in der Hocke fortbewegen. Die Vier eiern wie Hühner über die Wiese. Lena übernimmt von Anfang an die Führung, bis sie über ihren Schnürsenkel stolpert. Samuel überholt sie und gelangt als Erster ins Ziel. Tarek landet auf dem dritten Platz.

„Was seid ihr bloß für lahme Enten?“ Samuel verzieht den Mund.
„Jetzt halt doch mal den Mund, du blöder Wichtigtuer!“, hält Lena dagegen.
Sie dreht sich zu Anna und Tarek um und fragt: „Wollen wir drei nachher zusammen ein Eis essen? Ich lade euch ein.“

Tarek nickt begeistert. Er findet die Mädchen echt nett. Sie machen sich nicht über ihn lustig und es scheint sie nicht zu stören, dass er nicht zum Profi-Sportler geboren ist. Und auch, dass er noch nicht so gut Deutsch spricht. Tarek kommt nämlich aus Syrien. Seine Eltern sind mit ihm und seinen Geschwistern letztes Jahr vor dem Krieg dort geflüchtet. Sieben Wochen waren sie unterwegs und hier in Deutschland fühlt er sich endlich sicher. Und er hat wieder Zeit, seinen Hobbys nachzugehen. Tarek spielt leidenschaftlich gerne Oud. Das ist eine Laute, die so ähnlich aussieht wie eine Gitarre. Er werkelt auch gerne. Am liebsten mit Holz. Das Baumhaus, das er zusammen mit seinen Freunden aus der Flüchtlingsunterkunft gebaut hat, ist fast fertig. Vielleicht haben die Mädchen ja Lust, auch mal mit auf den Abenteuerspielplatz zu kommen, überlegt er. Anne reißt ihn aus seinen Gedanken.

„Oh Mann, was ist das denn?“, fragt sie, als die Vier sich dem verrückten Hürdenlauf nähern. Kai, Said, Inga und Pia springen nicht etwa über die Hürden. Nein, sie krabbeln unter den Hindernissen hindurch. Das sieht verdammt anstrengend aus, findet Tarek. Lena schluckt ebenfalls. „Okay, dann wollen wir mal unser Glück versuchen. Samuel, wie macht man das am besten? Du weißt doch immer alles am besten.“
„Man muss in leicht geduckter Haltung laufen, Mädels. Dann verliert man an den Hürden nicht so viel Zeit. Aber das bekommt der Tarek nie hin, jede Wette“, antwortet Samuel. Dann singt er leise: „Der Tarek, der kommt nicht vom Fleck. Die Schnecke ist der letzte Dreck.“ Er unterbricht sich selbst, ehe er fortfährt: „Die Schnecke soll erst mal Deutsch lernen.“

Tarek schluckt. Er weiß gar nicht, was er machen oder antworten soll. Am liebsten würde er diesen Samuel verprügeln. Aber gegen den Zehnjährigen hat er nicht die geringste Chance. Egal, er muss es trotzdem versuchen. Lena, die nicht auf den Mund gefallen ist, hält ihn sofort am Arm fest. Dann dreht sie sich zu Samuel um.

„Soll ich auch mal?“, fragt sie ihn mit zuckersüßer Stimme. Sie überlegt kurz. Dann legt sie los: „Samuel Pohl ist echt voll hohl. Samuel: S wie saublöd, A wie Angeber, M wie mega doof, U wie uncool, E wie eingebildet und L wie ….“
Lena stockt. Ihr fällt plötzlich nichts mehr ein.
„L wie Labertasche“, ruft Anna kichernd.
Samuel verschlägt es die Sprache. Tarek kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Wer austeilt, muss auch einstecken können“, meint Lena.
„Kommt, es geht los!“

In den nächsten Minuten scheinen Tarek und Anna wirklich zu punkten. Weil sie beide so klein sind, flutschen sie in Windeseile durch die Hürden durch. Die Zwei liefern sich ein knallhartes Rennen. Sie gönnen sich nicht den geringsten Vorsprung und nehmen fast zeitgleich alle Hindernisse. Bis Anna plötzlich stürzt. Tarek liegt vorne, hält aber sofort an. Er rennt zurück und hilft dem zierlichen Mädchen auf die Beine.

„Alles okay?“, fragt er.
Anna nickt, obwohl ihr Knie blutet. Gemeinsam mit Lena humpeln die Drei ins Ziel. Samuel hat sie längst überholt.
„Vielleicht schaffe ich es trotz der vielen Konkurrenten aus den anderen Gruppen ja auf das Siegertreppchen“, jubelt er.
„Bitte nicht!“, nuschelt Tarek leise.

Seine Bitte wird tatsächlich erhört. Weil es sich um einen verrückten Wettkampf handelt, landet der Teilnehmer mit den wenigsten Punkten heute ausnahmsweise auf dem ersten Platz. Und das ist bei den vielen Kindern, die mitgemacht haben, eindeutig der kleine und schmächtige Tarek. Der Achtjährige weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Die Betreuer gratulieren ihm, schütteln Freude strahlend seine Hand und überreichen ihm die Siegerurkunde. Und natürlich den heiß ersehnten Lenkdrachen. Einen richtigen Sportlenkdrachen in knallbunten Leuchtfarben und im XL-Format. Tarek ist stolz, Anna und Lena jubeln. Einige der größeren Jungs und Mädchen, die richtig viele Punkte erzielt haben, verziehen nach der Siegerehrung immer noch den Mund.

„Was für ein saublöde Idee! Verrückter Wettkampf, wer will denn so was?“, entfährt es auch Samuel.
Lena tut so, als hätte sie nichts gehört. „Tarek, Anna, kommt! Wir wollen doch noch Eis essen“, ruft sie.
„Und danach lassen wir gemeinsam Drachen steigen“, sagt Tarek glücklich. „Du auch mitkommen, Samuel?“



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