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Von der Kuhstraße aus in die weite Welt

Mitbegründer Boekels hilft mit Kegler kegeln. Schützen schießen. Und Sänger singen. Aber längst nicht nur. „Das soziale Engagement der Kegelclubs, Schützenvereine oder Kirchenchöre war einfach überwältigend“, sagt Waldemar Prechtel. Und Prechtel muss es wissen: Seit der Gründung im Jahre 1964 arbeitet der heute 77-jährige Krefelder ehrenamtlich für action medeor. Ohne Prechtel und ohne die vielen Helfer aus den Vereinen wäre action medeor nicht das, was es heute ist: das größte Medikamentenhilfswerk Europas.

Doch der Reihe nach: Am Anfang stand eine Idee – Ärztemuster sammeln für Menschen in Not. Der couragierte Mediziner Dr. Ernst Boekels aus dem niederrheinischen Ort Vorst hatte es sich zum Ziel gesetzt, jene Arzneimittel, die ihm kostenlos zur Verfügung gestellt wurden, in Entwicklungsländer weiterzuleiten. Hierzu waren Boekels und seine anfangs nur wenigen Mitstreiter jedoch auf weitere Helfer angewiesen – die sie schon nach kurzer Zeit fanden. Denn die Argumentation, dass sechs ehrenamtliche Arbeitsstunden – investiert in das Sortieren, Verpacken und Verschicken von Medikamenten – ein Menschenleben retten, überzeugte die Vorster. In Scharen boten sie ihre Hilfe an, Vereinsmitglieder genauso wie Hausfrauen und Geschäftsleute, Schüler und Rentner.

Helfer und HelferinnenAngesichts der vielen Medikamente, die aus dem gesamten Bundesgebiet an den Niederrhein verschickt wurden, standen die Helfer bald vor einem Problem: „Wir platzten aus allen Nähten“, erzählt Prechtel. „Wir bekamen Medikamente aus Krankenhäusern, die geschlossen wurden, und sogar ganze Schiffsapotheken.“ Dr. Boekels mietete deshalb einen leer stehenden Tanzsaal in der Kuhstraße, um diesen zu einer Lagerhalle umzubauen. Nun jedoch fielen immer mehr Kosten an, so dass die Gründung eines Vereins unumgänglich war – eine Tatsache, die am 13. August 1964 „action medeor“ entstehen ließ.

Die offenen Fragen rissen jedoch nicht ab. Denn kurz darauf stellte sich heraus, dass in Vorst viele Medikamente ankamen, die nicht nach Übersee verschickt werden konnten: Fast die Hälfte der Arzneimittel war in zerbrechlichen Glasröhrchen abgefüllt, teilweise war die Haltbarkeit auch bereits abgelaufen. Gleichzeitig kam aus den Gesundheitsstationen die Meldung, dass dringend Medikamente gegen Lepra, Tuberkulose und Wurmkrankheiten benötigt werden. Als Boekels von zwei russischen Ärztinnen hörte, welche Arzneimittel selbst herstellten, kam er auf die Lösung des Problems: Er ließ Generika – also Medikamente, deren Grundstoffe lizenzfrei und nicht mehr patentgeschützt sind – im Lohnauftrag bei einer pharmazeutischen Fabrik fertigen, um sie dann in großen braunen Kunststoffdosen zu verschicken.

Aufgabenbereiche haben sich erweitert

Bereits drei Jahre nach der Vereinsgründung wurde jedoch auch der umgebaute Tanzsaal zu klein, so dass medeor in ein altes Schulgebäude umziehen musste, welches die Gemeinde der Hilfsorganisation für einen symbolischen Preis von einer D-Mark zur Verfügung stellte.
Der nächste Erweiterungsschritt erfolgte dann im Jahr 1973: Auf dem Gelände der Krefelder Eisenbahngesellschaft wurde ein 1000 Quadratmeter umfassendes Medikamentenlager mit angeschlossenem Verwaltungstrakt errichtet; 1988 erweiterte man auf eine Fläche von 2000 Quadratmeter, welche 1998 noch einmal verdoppelt wurde.

Auch wenn das Hauptaugenmerk noch immer auf dem Versenden von Arzneimitteln liegt, haben sich die Aufgabenbereiche der action medeor erheblich weiterentwickelt. Heute betreut medeor zusammen mit lokalen Partnern Gesundheitsprojekte, deren Ziel es ist, die medizinische Versorgung in Entwicklungsländern langfristig zu verbessern und Krankheiten wie HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose zu bekämpfen. Im Bereich der Pharmazie bildet medeor Regierungs- und Industriepharmazeuten weiter und erteilt in Heidelberg Seminare am Tropeninstitut für Entwicklungshelfer über die Gesundheitsversorgung in der Dritten Welt. Seit 2006 werden alle Gesundheitsstationen und Krankenhäuser in Tansania, die bisher von Tönisvorst aus versorgt wurden, direkt von der Hauptstadt Dar es Salaam aus beliefert.

Waldemar Prechtel hat während der 44-jährigen Tätigkeit für „sein“ Hilfswerk unzählige Projektländer selbst besucht. Und auch heute – im Alter von 77 Jahren – ist er weiterhin rastlos im Einsatz: „Zweimal pro Woche kümmere ich mich noch intensiv um das Archiv von action medeor“, sagt er. „Und sobald es sonst irgendwo brennt, bin ich natürlich auch da. Ganz klar!“ Die Idee des Dr. Ernst Boeckels elektrisiert eben noch immer…

Fakten zu action medeor:

Schwerpunkt der medeor-Hilfe liegt in Afrika. Dorthin werden 56 Prozent aller Hilfslieferungen geschickt, gefolgt von Asien mit 21 Prozent. Außerdem werden zahlreiche Projekte in Lateinamerika, Osteuropa und in den vom Tsunami betroffenen Regionen mit Arzneimitteln versorgt. 25.266 Pakete mit einem Gewicht von 412 Tonnen haben die medeor-Mitarbeiter alleine im Jahr 2006 gepackt und verschickt. Das Hilfswerk beschäftigt derzeit 50 Mitarbeiter, davon 35 Vollzeit- und 15 Teilzeitkräfte.

Was macht action medeor:

  1. action medeor sichert den Zugang zu unentbehrlichen Medikamenten.
  2. action medeor leistet Not- und Katastrophenhilfe.
  3. action medeor kämpft gegen HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose.
  4. action medeor hilft einheimischen Partnern beim Aufbau von Basisgesundheitsdiensten.
  5. action medeor bietet pharmazeutische Fachberatung.
  6. action medeor leistet entwicklungspolitische Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit.