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Phasen der Humanitären Hilfe

Katastrophen, Krisen und Kriege – es ist nicht nur die Medienberichterstattung, die den Eindruck erweckt, dass sich die Konflikte häufen. Tatsächlich ist die Zahl der Naturkatastrophen wie Erdbeben, Tsunami, Hurrikans oder Überschwemmungen in den letzten Jahren stark gestiegen, nicht zuletzt verschärft durch Umweltschädigungen, Erosion oder Zersiedelung. Auch weitere durch Menschen verursachte Katastrophen ziehen die Notwendigkeit humanitärer Hilfe nach sich: Politische Unruhen, Bürgerkriege, Flucht und Vertreibung sind ein Teil der so genannten komplexen humanitären Notsituationen. Das Zusammenwirken ökonomischer, ökologischer und politischer Aspekte, oft gepaart mit Hunger, Gewalt und Vertreibung, führen zu einer großen Unübersichtlichkeit und erschweren eine adäquate humanitäre Hilfe. Im Fokus stehen immer die benachteiligten und gefährdeten Menschen: Kranke und Verletzte, Frauen und Kinder, Flüchtlinge, Vertriebene und alte Menschen.
Aktion Deutschland Hilft vor Ort
Ein großer Vorteil von Aktion Deutschland Hilft liegt darin, dass oft Mitgliedsorganisationen bereits im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit vor Ort sind, wenn eine Katastrophe passiert. So kann Aktion Deutschland Hilft auf vorhandene Strukturen und bekannte lokale Partner zurückgreifen und schnelle humanitäre Hilfe leisten. Gezielte Koordination und Kooperation der Bündnispartner setzen Synergieeffekte frei und optimieren humanitäre Hilfe.
PHASEN der humanitären Hilfe: Von der Soforthilfe über Rehabilitation und Wiederaufbau zur Katastrophenvorsorge
Soforthilfe
- Versorgung mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser
- Medizinische Grundversorgung
- Schutzmaßnahmen. Schutz vor Witterungseinwirkungen durch Kleidung, Decken und Zelte oder andere Notunterkünfte inklusive sanitären Einrichtungen (Shelter), im weiteren Maßnahmen im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention, also Schutz der Flüchtlinge vor Angriffen sowie ein Mindestmaß an Rechtsschutz (Protection).
Die Dauer dieser Soforthilfephase kann von einigen Wochen bis hin zu mehreren Monaten nach der Katastrophe reichen. Zusammen mit der Phase der Rehabilitation ist das vorrangige Ziel, zumindest den Status quo vor der Katastrophe wieder herzustellen.
Rehabilitation und Wiederaufbau
In der Regel nach, aber manchmal auch während der Phase der Soforthilfe läuft als mittelfristige humanitäre Hilfe die Phase der Rehabilitation und des Wiederaufbaus („Recovery and Reconstruction“) an. Dabei sind die Übergänge fließend. Generell geht es bei der Rehabilitation um die Wiederherstellung der sozialen und politischen Stabilität. Die Rückkehr zu stabilen Lebensumständen, sei es gesellschaftlicher, kultureller oder institutioneller Art, ist das Ziel. Dazu gehört das Instandsetzen der Infrastruktur: Straßen und Brücken müssen repariert, die Wasser-, Strom- und Gesundheitsversorgung muss wieder in Gang gebracht werden. Die Betroffenen der Katastrophe sollen in der Lage sein, sich selbst zu versorgen. So werden etwa Geräte, Werkzeug oder auch Saatgut verteilt, um durch die Eigenleistung der Bevölkerung wirtschaftliche Mechanismen voranzutreiben und deren Existenz zu sichern. In die Phase des Wiederaufbaus sind die lokalen Partner und Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft aktiv eingebunden. Sie erstreckt sich über einige Monate, manchmal aber auch über mehrere Jahre.

Langfristige Entwicklungszusammenarbeit –Katastrophenvorbeugung umsetzen
Die Entwicklungszusammenarbeit verfolgt das Ziel, die Lebensbedingungen der betroffenen Bevölkerung langfristig zu verbessern. Eine planvolle Zusammenarbeit ist die Basis für den so genannten Nachhaltigkeitsfaktor, der auf „Hilfe zur Selbsthilfe“ abzielt. Die Selbstorganisation der betroffenen Bevölkerung wird ebenso gefördert wie ihre Beteiligung an politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozessen. Bei der Planung von Projekten werden die Zielgruppen direkt miteinbezogen. Die Stärkung der Vorsorgepotenziale ist ein wichtiger Aspekt, nicht nur, um eine effektive Reaktion im Katastrophenfall einleiten zu können. Langfristige Entwicklungszusammenarbeit unterstützt die Friedenssicherung und zielt auf Stärkung der Zivilgesellschaft und wirtschaftliche Stabilisierung für eine Verbesserung der Lebenssituation.
Herausforderungen bei der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit
In der Idealvorstellung sind Soforthilfe, Wiederaufbau und Entwicklungszusammenarbeit nahtlos verzahnt und ergänzen sich optimal. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass dies in der Realität nicht immer einfach zu verwirklichen ist. Soforthilfe und Entwicklungszusammenarbeit können konträre Maßnahmen erforderlich machen, wenn etwa Nahrungsmittel als Soforthilfe gegen eine Hungersnot geliefert werden, aus entwicklungspolitischer Sicht Nahrungsmittelimporte aber die lokalen Märkte zerstören. Hilfslieferungen dürfen nicht in eine ständige Abhängigkeit der betroffenen Menschen führen und Eigeninitiative lähmen. Auch eine ungleiche Verteilung von Hilfe wirkt sich ungünstig aus, ebenso ein Zuviel oder ein Zuwenig an Hilfsgütern. Eine ständige Evaluation der aktuellen Situation und Randbedingungen ist erforderlich.
Zudem ist langfristige Entwicklungszusammenarbeit durchaus politisch motiviert, was dem Grundsatz der Neutralität bei der humanitären Hilfe entgegenstehen kann.
Weiterhin ist das Arbeitsfeld der humanitären Hilfe nicht ungefährlich: Ständig wechselnde Rahmenbedingungen und komplexe Gründe für Notsituationen erschweren die Arbeit der Helfer. Trotz Sicherheitsmanagements sterben weltweit mehr humanitäre Helfer durch Gewalt als UN-Blauhelmsoldaten.
LRRD und The Sphere Project
Die erwähnten Schwierigkeiten, die Phasen der humanitären Hilfe sinnvoll zu verbinden, haben eine Debatte entfacht, die 1996 in einen Bericht der EU-Kommission an das Europäische Parlament mit dem Titel „Linking relief, rehablilitation and development“ (LRRD) mündete. Dieser Begriff hat sich in der Diskussion um die Verknüpfung der Hilfephasen durchgesetzt. Das Konzept LRRD beinhaltet die Verbindung von Soforthilfe, Wiederaufbau und Entwicklungszusammenarbeit nach Katastrophen. In den Grauzonen zwischen diesen Phasen klaffte bisher eine Lücke, die geschlossen werden soll. In der Praxis (z.B. in Regionen mit langer Bürgerkriegsdauer) wurde klar, dass eine Trennung von kurz- und langfristiger Hilfe kaum möglich ist, also kein lineares Kontinuum der Hilfemaßnahmen vorliegt. Daher prägten Experten inzwischen den Begriff „Kontiguums“ (Sicherstellung, dass die Soforthilfe nicht die bereits erreichten Fortschritte laufender Entwicklungshilfe zunichte macht).
LRRD soll den Grundstein für eine sich selbst tragende, nachhaltige Entwicklung legen, Anfälligkeit für Katastrophen verringern, Katastrophenfolgen mildern und Menschen zur Selbsthilfe in Katastrophensituationen befähigen.
Eine Initiative von Nichtregierungsorganisationen und Netzwerken hat sich 1997 unter dem Namen „Sphere Project“ zusammengeschlossen, um Mindeststandards für die humanitäre Hilfe zu erarbeiten. Ein Handbuch dient als Grundlage für eine humanitäre Charta für Katastrophenopfer sowie Standards für Sektoren wie Wasserversorgung, Hygiene und sanitäre Einrichtungen, Ernährung, Lebensmittelhilfe, Unterkünfte und medizinische Dienste. Sphere aktiviert den Prozess der Zusammenarbeit und gibt qualitative Richtlinien und Schlüsselfaktoren für die humanitäre Arbeit vor. Auch die Bündnispartner von Aktion Deutschland Hilft haben sich den Sphere Standards verpflichtet. Seit 2007 ist Aktion Deutschland Hilft Mitglied des Sphere Boards.
Organisation der humanitären Hilfe
Schnelligkeit ist oberste Maxime, um in Katastrophenfällen effektiv zu helfen. Jede Minute zählt, um etwa nach einem Erdbeben Verschüttete aus den Trümmern zu bergen. Für die Mitgliedsorganisationen ist die umgehende Verfügbarkeit von Geldern für Projekte wichtig. Hier hat das Bündnis einen entscheidenden Vorteil gegenüber den öffentlichen Geldgebern.
Hilfsorganisationen und das Auswärtige Amt haben eine gemeinsame Vorgehensweise etabliert, die zeitnahes, effizientes Handeln ermöglicht. Innerhalb weniger Stunden nach einer Katastrophe können Hilfslieferungen vor Ort sein. Rund um die Uhr ist ein Krisenstab von Hilfsorganisationen und Bundesregierung besetzt. Zunächst werden Informationen aus dem betroffenem Gebiet ausgewertet, um das Ausmaß der Katastrophe zu bestimmen. Lokale Mitarbeiter der Hilfsorganisationen in Krisengebieten machen dies oft sehr zeitnah möglich. Auf dieser Grundlage erfolgt die Klärung der Zuständigkeiten, und der Umfang der zu mobilisierenden Ressourcen wird bestimmt. Zeitgleich unterbreiten die Hilfsorganisationen dem Auswärtigem Amt und ECHO (Amt für Humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission) konkrete Vorschläge für Projekte – denn eine schnelle Genehmigung der Finanzierung ist Grundlage für zeitnahe Hilfe. In Deutschland trifft sich regelmäßig der Koordinierungsausschuss Humanitäre Hilfe mit Vertretern deutscher Hilfsorganisationen, dem Auswärtigen Amt und anderen Bundesministerien. Auch international gibt es Organe, die die humanitäre Hilfe abstimmen und betreuen, wie OCHA, das Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen, oder auf europäischer Ebene das bereits erwähnte Amt für humanitäre Hilfe der Europäischen Gemeinschaft (ECHO), um nur einige zu nennen.
Auch die Mitgliedsorganisationen von Aktion Deutschland Hilft stehen in ständiger Abstimmung miteinander. So kann Aktion Deutschland Hilft die humanitäre Hilfe durch vorhandene Synergien und Bündelung der Kräfte optimieren.
Weitere Informationen im Internet
www.venro.org/publikationen/archiv/Arbeitspapier%20Nr.%2017%20LRRD.pdf
www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Aussenpolitik/HumanitaereHilfe/Uebersicht.html
ec.europa.eu/echo/en/index.html
www.ifrc.org/publicat/conduct
www.sphereproject.org/
www.reliefweb.int
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